Mar Johannon

Land: Iran
Ort: Urmiah – Ortschaft/Dorf – Balulan

Themenbereich: Religiöses
Kirchenname: Mar Johannon
Religiöse Strömung: Assyrisch – Evangelisch
Erbaut: 1853
Altorientalisches Christentum – Assyrer und Armenier im Iran

Der Iran fußt teilweise auf dem alten Staatsgebiet der Perser. Babylonier, Akkadier, Sumerer und teilweise auch Aramäer, bildeten Stadt-Staaten in der Region. Assyrer erhoben sich zu einer Großmacht und wurden eines der größten, wenn nicht sogar das erste, Imperium der Welt. Die Region befand sich im ständigen Krieg mit anderen Völkern. So zum Beispiel auch mit den Armeniern, die ihrerseits Stadt-Staaten und Königreiche gründeten. Später kamen die Meder hinzu, welche als erstes indogermanisches Volk angesehen und als Iraner bezeichnet wurden. Die Araber waren als Eroberer da. Turkvölker siedelten sich an.
Die Ursprungsreligion der Perser ist der Zoroastrismus, welcher als die erste monotheistische Religion der Region anzusehen sein dürfte, noch vor dem Judentum, Christentum und Islam. Der „Ein Gott – Glaube“ löste den Polytheismus der alten Kulturen (Sumerer, Babylonier, Assyrer …) ab und entwickelte sich weiter. Das Judentum folgte. Dann das Christentum, welches zur Herrschaftszeit der Sassaniden zwar eine Abspaltung als notwendige Abgrenzung zum Römischen Reich erfuhr, sich aber prächtig entwickelte und seine Ausdehnung bis nach Süd – China und Süd – Indien und sogar Malaysia fand. In Indien spricht man heute von den Thomaschristen. Der „Katholikos“, also der Lenker der apostolischen Glaubenslehre, die unter Fachleuten auch als „nestorianisch“ bezeichnet wird, befand sich in Bagdad. Um das Jahr 1206 begannen die Raubzüge der Mongolen und im Besonderen die Kriegszüge des mongolischen „Weltenzerstörers“, wie der Heeresführer Tamerlan genannt wurde. Sie beendeten nicht nur die goldene Zeit des „Islams“, sondern auch fast die gesamte Existenz dieser bedeutenden Ostkirche.

Die nestorianische Kirche zog sich zurück in die nördlichen Regionen des heutigen Irans mit der Stadt Urmiah als Zentrum, gelegen am bekannten Urmiah-See. Von dort aus suchte die Kirche Halt und hielt sich bis heute im iranischen Raum. Man könnte eigentlich auch sagen, dass die Assyrische Kirche des Ostens hier ihr spirituelles Zentrum hat. In und um Urmiah wird noch Ostaramäisch gesprochen, was heute vielerorts als „Assyrisch“ oder „Neu – Assyrisch“ bezeichnet wird.

Interessanterweise war es mir möglich, ausgehend von meiner westaramäischen Muttersprache, die christlichen „Assyrer“ im Iran besser zu verstehen als ihre Glaubensbrüder im Irak. Dies kann auch damit zusammenhängen, dass der ostaramäische oder ostsyrische Dialekt dort in seiner Reinform scheinbar besser erhalten ist als im Irak. Bedingt durch die Isolation.

Die ca. 15.000 bis 30.000 Mitglieder der Assyrisch – Apostolischen Kirche und ihrer Abspaltungen, der Assyrisch – Chaldäischen Kirche (mit Rom uniert) und der Assyrisch – Evangelischen Kirche, leben in über einhundert Dörfern rund um Urmiah un in der Stadt selber , sowie in Teheran und Isfahan.

Weiterhin gibt es eine große Gemeinschaft armenischer Christen, es dürften an die 30.000 Menschen sein, die ihr Zentrum in Isfahan und Teheran haben und dem Westritus zuzuordnen sind. Wunderschöne Kirchenbauten der Armenier sind in Täbris und Arak zu besichtigen.

Für viele vielleicht überraschend ist zu hören, dass die alteingesessenen Christen im Iran über einen besonderen Schutz und damit auch besondere Privilegien verfügen. Kirchen werden mit staatlicher Unterstützung restauriert und erneuert. Die Gemeinden dürfen das kirchliche Recht, wenn es um das Familienrecht geht, eigenständig und völlig frei anwenden. So wie mir erklärt wurde, verweist ein iranisches Gericht bei Familienangelegenheiten sogar direkt an die zuständigen Priester, welche in solchen Fällen die Judikative bilden.

Ebenfalls ist zu erwähnen, dass die iranische Staatsmacht den Christen, aber auch den Juden und Zoroastern Freiheiten gewährt, die es ihnen im geschlossenen Kreis erlauben, völlig frei und offen das gesellschaftliche Leben zu zelebrieren. Hochzeiten werden ausgiebig gefeiert. Taufen ebenfalls. Die Gemeinden sind relativ frei in ihrem Handeln. Zuweilen werden Feste durch die Regionalregierung nicht nur gefördert. Staatsbedienstete beteiligen sich sogar an den kirchlichen Zeremonien, wie ich selber beobachten konnte.
Ayyoub Dehghankar, der Vizepräsident und Referent für kulturelle Angelegenheiten beim Kultusministerium formulierte es mit den Worten wie folgt:

„Niemals werden wir es zulassen, dass den iranischen Christen und ihren sakralen Orten etwas passiert. Wir verurteilen die Zerstörungen des Islamischen Staates zutiefst, welche dem Bösen dienen“.

Diese Worte äußerte er bei Unterhaltungen beim Kultusministerium mehrfach und ich hege keinen Zweifel daran, dass er es ernst meinte. In den vielen Gesprächen mit den geistlichen Vertretern der Kirchen, aber auch Gläubigen, stellten wir fest, dass die alteingesessenen Christen über Rechte verfügen, von denen Christen in sunnitisch geprägten Staaten noch nicht einmal ansatzweise träumen können.

Gewiss, es findet eine starke Abwanderung statt. Diese ist aber eher der wirtschaftlichen Situation geschuldet oder der kulturell – gesellschaftlichen Lebensweise, der im Besonderen junge Menschen den Rücken kehren. Hier ist nun die Politik gefragt, um nach dem Fall des Embargos für wirtschaftliche Impulse zu sorgen.

Hochinteressant war und ist im gesamten Zusammenhang die Entwicklung einer national geprägten Ideologie innerhalb der Assyrisch – Apostolischen Kirche. Egal um welche Strömung es sich nun handelte, leider haben im 18. Jahrhundert sowohl die katholische als auch die evangelische Kirche kräftig missioniert, zeigte sich in allen Gesprächen die Symbiose zwischen Kirche und nationalem Gedankengut. In keiner anderen altorientalischen Kirche habe ich diesen Effekt erlebt. Eher erschien es mir so, als ob alle Kirchen, welche dem altorientalischen Ritus zuzuordnen sind, den Gedanken der nationalen Identität von sich weisen. So sind es gerade die Priester, im Besonderen die Bischöfe, welche die Gründung einer assyrisch-nationalen Identität vorantreiben und das bereits seit rund 200 Jahren. Hätte es die Oktoberrevolution nicht gegeben, welche das russische Zarenreich zum Sturz brachte, wäre aller Wahrscheinlichkeit nach auf dem heutigen Territorium des Iraks, des Irans und der Türkei ein assyrisch-christlicher Staat entstanden. Ein Rückzugsgebiet für alle assyrischen Christen der Region. Die Geschichte kam anders.

Es war kein geringerer als Patriarch Mar Eshai Shimun XXIII, der Sohn des Assyrer – Generals David D Mar Shimun (1889 – 1974), welcher sich 1931/1932 mit vier Petitionen an die britische Mandatsmacht wandte, um auf die Anerkennung des Völkermordes an den assyrischen Christen zu drängen.. Ebenfalls stellte er darin die Forderung, die irakischen Assyrer als selbständige Nation anzuerkennen und ihnen ein eigenes Territorium zuzuweisen. Die Forderung wurde von den Briten abgelehnt. 1932/1933 kam es zu blutigen Übergriffen auf die christlichen Assyrer, aufgrund ihrer früheren Zusammenarbeit mit dem britischen Empire, welches sie nun im Stich ließ. Das Massaker in Semile (heute Irak( folgte, bei dem mehrere Tausend Assyrer Opfer kurdischer und arabischer Angreifer wurden. Die Überlebenden siedelten sich im heutigen Syrien, im Khabour – Tal an, wo man immer noch von den assyrischen Dörfern spricht. Viele flohen auch in den heutigen Iran, wo sie in der Gegend um Urmiah herum Zuflucht bei ihren Glaubensbrüdern suchten.

Das Beispiel des Patriarchen, der Sohn eines Generals war, zeigt uns, dass die Assyrisch – Apostolische Kirche eng mit dem Assyrertum, dessen Nachfahren diese Christen sind, verwoben ist.

Bei den heiligen Messen war zu beobachten mit welcher Autorität, fast schon militärisch wirkend, die Zeremonien abgehalten werden. Die feierliche Kleidung der Priester erinnerte teilweise an eine militärische Kleiderordnung. Mit ein bisschen Fantasie kann man sich vorstellen, dass nicht ein Priester, sondern ein militärisch gedrillter General vor einem steht.

So faszinierte diese Kirche im Besonderen, die mit ihren teilweise uralten Kirchen in und um Urmiah herum viele bleibende Eindrücke hinterließ.

Für Besucher des Irans, die sich für das alte Christentum interessieren, ist Urmiah mit seinen über einhundert christlichen Dörfern in der Umgebung, neben Teheran und Isfahan, ein Pflichtbesuch.

Simon Jacob, München

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