Anschläge in Teheran – ein Kommentar von Chiva Tafazzoli

Nach Manchester und London ist nun Teheran dran. Längst ist der Terror kein Produkt des Nahen und Mittleren Ostens mehr, das sich gegen den Westen richtet, sondern ein politisches und mit Religionsparolen getarntes Instrument, das überall dort eingesetzt wird, wo Interessen verfolgt werden.

Auch wenn die Attentäter und vor allem ihre Hintermänner bei den heutigen Anschlägen in Teheran nicht eindeutig identifiziert sind und bisher angeblich der sogenannte Islamische Staat sich dazu bekannt haben soll, so geschehen die Attentate im Parlament und am Schrein des Gründers der Islamischen Republik Iran, Ayatollah Khomeini, zu einem brisanten Zeitpunkt. Einerseits existiert neuerdings eine unter der Federführung der Washingtoner Administration geschmiedete Allianz mit Saudi-Arabien, Israel und der Türkei. Des Weiteren gibt es die Rede von Präsident Trump zum Thema Islam, bei dem der Iran als Hauptschuldiger des Terrors weltweit angeklagt wurde. Und schließlich die neuesten Ereignisse um die internationale Stellung Qatars, mit der iranisch-qatarischen Kooperation einer Gas-Pipeline als Hintergrund. Die außenpolitischen Ziele der USA einige Länder zu destabilisieren und zu besetzen, haben zwar beispielsweise bereits im Irak, in Syrien, Libyen und Afghanistan gefruchtet. Doch dem Iran konnte man bisher weder diplomatisch noch mit Wirtschaftssanktionen beikommen. Auch ist der Iran kein kleines Land wie Irak oder Afghanistan. Mit etwa 100 Millionen Einwohnern und den verschiedensten topografischen und klimatischen Zonen wird eine dauerhafte Invasion um ein Vielfaches schwieriger sein als zum Beispiel in Afghanistan, wo bis heute noch keine stabile Besatzung erfolgen konnte. Da ist die Taktik leicht auszumachen, Gruppen innerhalb des Landes militärisch und finanziell zu unterstützen und gleichzeitig von außen mittels Medien und Propaganda sowie der Instrumentalisierung von Begriffen wie „Freiheit“ und „Demokratie“, Öl ins Feuer zu schütten, um für Instabilität und Unruhen zu sorgen. Die bewährte „Divide & Conquer“ Diplomatie, die im Mittleren Osten einen reichen Nährboden findet, und die punktuell eingesetzte para-militärische Gruppe um den IS, fundiert durch Saudi-Arabien, sorgt für das Nötigste.

Dabei nimmt man bewusst und billigend in Kauf, dass es in erster Linie unschuldige Zivilisten sind, die für die großen Interessen um Geopolitik und Ressourcen das Leid tragen. Die Zivilbevölkerung leidet, ist verängstigt, verunsichert und wird verletzt und getötet. Dabei hat die Bevölkerung weltweit, genauso wie in den Ländern des Mittleren Osten, die gleichen Träume und Ziele: Frieden, Freiheit, Sicherheit, Unabhängigkeit. Die internationale Gemeinschaft wäre deshalb gut beraten, auf diese gemeinsamen Werte zu setzen und diese zu fördern, anstatt zu spalten, zu polarisieren, zu teilen und zu plündern, wo es den eigenen Interessen dienlich ist. Dies gilt insbesondere für den Mittleren Osten. Ist die dortige Region krank, infiziert sich die gesamte Welt und explodiert dort ein Land, wird die ganze Welt verletzt werden.

Die gesunde Logik, die es anzuwenden gilt, ist dabei ziemlich einfach: wird die Region befriedet, profitiert wiederum die ganze Welt vom Fortschritt und Stabilität des Mittleren Osten. Dafür muss kein Schuss fallen, kein Mensch sterben und es kostet einen Bruchteil dessen, was Gewalt, Waffen und Zerstörung verschlingen. Erwiesenermaßen kann man miteinander sehr viel mehr erreichen, als gegeneinander. Die „Schaukel“ von Brecht darf im Nahen Osten keine Anwendung finden – zu unserer Sicherheit und unserem Wohlergehen im Westen!

Chiva Tafazzoli

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Chiva Tafazzoli ist gebürtiger Iraner und lebt seit 1976 in München. Er ist Mitglied des Vereins „Project Peacemaker e.V.“ und setzt sich für eine Ausweitung und Festigung der freundschaftlichen Beziehungen zwischen dem Iran und Deutschland ebenso ein wie für die Integration von Migranten und die Belange der Mitbürger mit Migrationshintergrund.