Anschlag in Berlin – Die Vernunft ist unsere wichtigste Bastion
(Bild – Januar 2015, kurz nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo in Paris, Schloss Bellevue)

In den letzten Jahren wurden viele Fehler gemacht.
Entwicklungen ignoriert oder einfach missachtet.
Warnende Stimmen wurden als etwas abgetan, was nicht sein konnte oder sein durfte.

Ich kann mich noch an ein Gespräch im letzten Jahr in Syrien mit einem Kommandeur der Anti IS Koalition an der Front erinnern, der Europa davor warnte, dass wir mit aller größter Sicherheit mit vermehrten Anschlägen im Westen rechnen müssen, je mehr der IS und andere Extremisten in die Ecke gedrängt werden.
Der Kommandeur war übrigens Muslim.
Seine Warnung war deutlich.
Und auch das Ziel des IS war klar und deutlich.

„Verlierst Du hier, im Nahen Osten, die Schlacht, so trage den Krieg in die westliche Gesellschaft, und spalte damit den Zusammenhalt dieser“.

Die jetzige Entwicklung war vorauszusehen.

Januar 2015, kurz nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo in Paris, befand ich mich im Schloss Bellevue beim Bundespräsidenten zu einer Runde mit Experten verschiedenster Organisationen, die sich mit dem Thema „Extremismus und Integration“ beschäftigten.
Einige Tage zuvor war ich noch im Irak.

Als ich einen Zusammenhang zwischen dem politischen Islam des IS und zu erwartenden Anschlägen in Europa, durch eben jene eingangs erwähnte Gefahr hinwies, wurden ich von einigen der anwesenden Medien- und Organisationsvertretern heftig kritisiert.
Doch war es eine Tatsache.

Es ist eine Tatsache, die einfache Wahrheit und die pure Realität, dass der Islam, nennen wir diesen eben politischen Islam, verstärkt durch die wahabitisch – salafistische Sichtweise, ein gewaltiges Gewaltpotential hat, welches Anschläge dieser Art nicht nur legitimiert, sondern auch noch explizit befürwortet.

Es ist aber auch eine Tatsache, dass das Ziel dieser von Gewalt, Hass und Wut durchsetzen Strömung des Islams die Spaltung der Gesellschaft ist.

Um eine Spirale der Gewalt zu entfachen die, nach der kruden Sichtweise der „Wahabiten – Salafisten“, in einem apokalyptischen Krieg enden muss.

Und die traurigste aller Tatsachen ist, mit größter Gewissheit und frei jeglicher Subjektivität, dass alle Menschen darunter leiden.
Egal an was sie nun glauben mögen.
Christen, Juden, Atheisten und gerade alle Muslime, die nicht dem Ruf des Dschihads folgen wollen.

Das macht das Ganze umso schwieriger, weil gerade diejenigen, die sich diesem Ruf verwehren, der Gefahr ausgesetzt sind, nicht nur durch indoktrinierte Fanatiker ihr Leben zu verlieren.
Es sind leider auch diejenigen, warnend in ihren Worten, die jahrelang sowohl von den Medien als auch der Politik ignoriert und teilweise sogar diffamiert wurden.

Hinzukommt, wie es jedes Mal nach so einem Anschlag ist, eine Hetze in den sozialen Medien, die ihresgleichen sucht.
So bitter es auch sein mag, doch war mit solchen Anschlägen zu rechnen.

Deutschland hat in der Vergangenheit lediglich Glück gehabt.
Vieles wurde durch die Sicherheitskräfte in der Vergangenheit vereitelt.

Doch müssen wir uns mehreren Gegebenheiten bewusst sein.

  1. Der Anschlag in Berlin ist nicht mehr oder weniger hasserfüllt als die Anschläge in Paris, Brüssel, Ankara, Istanbul, Beirut, Damaskus, Moskau, Mumbai, Bagdad, Jerusalem………..
  2. Wir werden uns auf mehr Anschläge dieser Art einrichten müssen
  3. Dieser Konflikt findet an den Grenzen und zukünftig auch vermehrt innerhalb der Grenzen Europas statt. Zwischen Europa und dem Nahen Osten liegt kein natürlicher Schutzwall, wie ihn die USA haben
  4. Europa zwingt die Situation zu einer gemeinsamen Sicherheitspolitik, in Form einer europäischen Militärstrategie und einer flexiblen und gut organisierten europäischen Armee
  5. Europa wird sich darauf einstellen müssen, so hart das nach dem zweiten Weltkrieg klingen mag, als Einheit in die Kriege des Nahen Ostens einzugreifen.
    Vorwiegend um Schutzzonen einzurichten, die auch verteidigt werden müssen. Dabei werden auch europäische Soldaten ihr Leben lassen.
  6. Um Flüchtlingsströme – allein die demografische Entwicklung lässt nichts anderes zu – zu verhindern, müssen in der Region
    – Infrastrukturprogramme umgesetzt werden
    – Korruption bekämpft werden
    – Bildung gefördert werden

Innerhalb einer Generation verdreifacht sich die Population der Bevölkerung in den Ländern des Nahen Ostens.
Haben die Erwachsenen von morgen keinen Arbeitsplatz, damit verbunden kein Einkommen, werden sie sich auf dem Weg nach Europa machen.

  1. Diese Punkte sind von immenser Bedeutung, sollten die Gesellschaften des Nahen Ostens, aber auch wir hier in Europa gewillt sein, diese Konflikte zu beenden.

– Die Auseinandersetzung mit der Religion, dem gewaltbereiten und gewaltverherrlichenden Teil des Islams, muss thematisiert werden. Und dies ohne Einschränkungen, Ängste oder jeglicher Naivität. Auch wenn das bedeuten sollte, dass wir weniger Waffen und andere Güter an Länder wie Saudi Arabien liefern.
Auch wenn es bedeuten sollte, dass wir zukünftig mehr für Energie, in Form des flexibelsten Energieträgers dieser Welt, nämlich Öl, bezahlen müssen.

– Unser übermäßiges Konsumverhalten ist, befeuert durch billige Rohstoffe und billige Energie, zu hinterfragen.
Der Wohlstand im Westen ist auch Teil einer reaktiven Kette, auf die die Welt des Nahen Ostens mit Aggression reagiert.
Denn letzten Endes geht es bei allen Konflikten um Macht und die Vorherrschaft über eben jene Rohstoffe und Energievorkommen, die unseren übermäßigen Konsum absichern.

Nach Jahren des Reisens und Berichtens aus dem Nahen Osten, in Angesicht der Gefahren und des unerträglichen Leids, der vielen Toten und Vertriebenen, bin ich es einfach leid um die Opfer hier, in Deutschland, in Frankreich, in Belgien, im Libanon, im Irak, in Syrien, in Ägypten,……………. zu trauern.

Ich bin es einfach leid um den heißen Brei herumzureden, anstatt ein Bewusstsein für die Realität, frei von Hass, Gier, Wut, Unvernunft… zu entwickeln.

Akzeptable Lösungen setzen zunächst voraus, dass wir uns als vernunftbegabte Wesen den Tatsachen stellen.

Simon Jacob, München, den 20. Dezember 2016