Armenien – Land des Widerstands, Land der Trauer

Land: Armenien
Ort: Jerewan
Datum: 25.11.2015

Das Königreich Urartu lag ursprünglich am Vansee. Historisch belegt verbündete sich dieses 850 v.Chr. unter König Arama von Arzaskun mit dem aramäischen Stadtstaat „Bit Agusi“ (Haus Agusi) gegen die Assyrer. Nach mehreren Auseinandersetzungen mit den assyrischen Eroberern erblühte Urartu unter der Herrschaft des Königs Menuas (etwas 810 – 785 v. Chr.) zu stattlicher Größe, bevor es in den Jahren danach von den Assyrern wieder vernichtend geschlagen wurde. Es folgten Perser, Römer, Araber, Osmanen und die Eingliederung in das Sowjetreich. Im Laufe der Zeit entwickelte sich Urartu zum dem, was es heute ist: Armenien.

König Trdat III, Heiliger und Gründer der armenischen Kirche aus dem Haus der Arsakiden, beanspruchte 301 n.Chr. den Thron für sich und verankerte damit die Lehre Jesu als Staatsreligion in seinem Königreich. Armenien war der erste christliche Staat der Welt. Ab 400 n.Chr. besetzten die Sassaniden das Land und versuchten der Bevölkerung den zoroastrischen Glauben aufzuzwingen. Um nun zu verstehen was im späteren Verlauf immer wieder zur Verfolgung der Armenier führte oder deren Zerschlagung, aber auch deren Emporschwingen gleich des Phönixes aus der Asche, sind die darauf folgenden Auseinandersetzungen intensiver zu betrachten.

Von 451 bis 484, bis die Sassaniden das Christentum vollständig anerkannten, kam es zu einem blutigen Guerillakrieg. Das armenische Volk entwickelte diese Art der Kriegskunst zur Perfektion und sicherte sich dadurch, gestützt auf einen fest verankerten Glauben als gemeinsamen Nenner, das eigene Überleben, welches in den darauf folgenden Jahrhunderten immer wieder in Bedrängnis geriet.

Viele der folgenden Besatzer waren sich der „asymmetrischen“ (Konflikt zwischen zwei Parteien mit ungleich verteilten Ressourcen) Kriegskünste der Armenier, aber auch ihrer hervorragenden diplomatischen, handwerklichen und kaufmännischen Eigenschaften, bewusst. Besonders das Osmanische Reich setzte auf der einen Seite viele Armenier in der Verwaltung und in den administrativen Abläufen des Staates ein, fürchtete aber auf der anderen über die Zeit hinweg deren Fähigkeiten, gegen die Herrscher Widerstand zu leisten. Das Kalifat schaffte es auch nicht, das christliche Gedankengut bei den Armeniern durch die Lehre des Islams zu ersetzen. Das Gegenteil trat ein, gemäß der Charakteristik des armenischen Volkes, wodurch es immer wieder zu Aufständen kam.

Die Angst der Neutürken vor der inneren Stärke der Armenier, deren nationales Bindeglied seit der Staatengründung das Christentum war und ist, bereitete nicht nur der neuen Elite des Osmanischen Reiches, welches dem Untergang geweiht war, Sorge. Auch christliche Vertreter des Abendlandes, so z.B. das Deutsche Kaiserreich, sahen im Potential der Armenier wohl eine große Gefahr und stimmten zwischen 1915 und 1918 einem Völkermord zu. Ja, unterstützen diesen sogar logistisch, welcher 1.500.000 Armeniern, über 300.000 Pontos-Griechen, über 250.000 Suryoye (Assyrer/Aramäer/Chaldäer) und mehreren tausend Mazedoniern das Leben kostete.

Soweit die historischen Ereignisse, die letzten Endes in einem großen Blutbad endeten und das armenische Volk aus seinem Kerngebiet, gelegen in der heutigen Südosttürkei, vertrieben. Das heutige Armenien mit seiner gebirgigen Landschaft könnte auch eine ideale Kulisse für einen „Herr der Ringe“ Film sein. Prägend sind die uralten Kirchen. Majestätisch die Statuen, die es überall zu erblicken gibt. Sie sind Zeuge der Größe des Landes, aber auch des Widerstandes, welcher fast ununterbrochen geführt wurde. Oft trifft man die in Stein gemeißelte Verkörperung der einst mächtigen Könige und Königinnen, in der einen Hand das Evangelium, in der anderen das Schwert. Als Symbol der Verteidigung und des Widerstands.

Der letzte Widerstand endete in den Gefühlen, die ich zu ertragen hatte, als ich das Genozid –Mahnmal und das angegliederte Museum dazu besuchte. Professor Anhahit Khosroeva, die an der Northpark University in Chicago lehrt und im Bereich der Genozid-Forschung als Expertin gilt, begleite mich durch den groß angelegten Komplex. Schweren Schrittes betrat ich mit meiner Begleitung, die je zur Hälfte assyrische und armenische Wurzeln hat, den Ort der ewigen Flamme und anschließend das Museum. Das was nun auf mich einschlug, ja sogar wie ein Bombardement auf mich einprasselte, glich einem Sturm tiefer Trauer. Eines tiefen Schmerzes. Eines unbeschreiblichen Leides, welches in den Ereignissen zwischen 1915 und 1918 ca. 90 % meiner Familie das Leben kostete. Die Bilder die ich sah, die Frauen, denen man Widerwärtiges antat, die Kinder, die man in den Wüsten alleine ließ, Taten, durchgeführt durch die kurdischen Handlanger der Jungtürken, ließen mich nur noch schwer zu Atem kommen. Nach Außen immer noch die Fassung bewahrend, gingen mir andere Bilder durch den Kopf. Die Mutter, die um ihren bestialisch enthaupteten Sohn weint. Das kleine Mädchen, welches von „Bestien“ die sie nun einmal sind, mehrfach vergewaltigt wurde. Und es sind „Bestien“, denn vernunftbegabte Menschen verschleppen kein neunjähriges Mädchen im Irak und vergewaltigen dieses bis zur Unkenntlichkeit – so geschehen im Jahre 2009. Und es ist eine Widerwärtigkeit an sadistischen Handlungen, geführt von entmenschlichten Wesen, welche heute im Namen der Religion wieder morden, versklaven und vergewaltigen. Aktuell, jetzt, 2015 im Irak und in Syrien, begangen durch den „Islamischen Staat“. Und wieder sieht der „christlich“ geprägte Westen zu. Und nicht nur dieser. Befeuert durch den Grundsatz einer religiös begründeten Trennung, unterstützt durch Gelder aus dem arabischen Raum, aus dem die Energieströme zu uns fließen und wir mit diesen vom schwarzen Gold beschenkten Gebieten Freundschaften pflegen, kommt eine Ideologie, die die „Bestien“ des Islamischen Staates geradezu in Ektase verfallen lässt. Und in ihrem Wahn schlachten sie nun jeden ab, der nicht in ihr Weltbild passt. Und die meisten Opfer sind nun die, welche die eigenen Glaubensbrüder sein sollten. Muslime. Schiiten und Sunniten. Und hinter all dem prangert das Wissen um eine Doktrin, dessen Inhalt ich auch auf einem Schriftzug im Museum wiederentdecke.

Der Grundsatz der Scharia, der göttlichen Gesetzgebung, die nach den Ansichten der wahabitischen Strömung des Islams über das von Menschenhand geschaffene Gesetz steht. Wehe dem, der jetzt Böses denkt, wenn man dieser Tage wahrnimmt, dass der neue Experte des fünfköpfigen Expertenrates für Menschenrechte innerhalb der UNO ausgerechnet aus Saudi Arabien kommt. Einem Land, dessen religiöse Sichtweisen samt der Auslegung der Scharia denen gleichen, die der „Islamische Staat“ an den Tag legt. Nur mit dem Unterschied, dass hier die mediale Inszenierung zur Abschreckung nicht im Vordergrund steht.

Professor Anhahit Khosroeva blickt mich am Ende unseres Rundgangs im Museum an. Sie bemerkt mein aufgewühltes Inneres und gibt mir ein paar Minuten Zeit mich zu fangen, bevor die Bitte geäußert wird, mich im Besucherbuch einzutragen. Ich setze meinen Namen liebend gern in dieses und unterschreibe im Namen des Zentralrates Orientalischer Christen in Deutschland, dessen Friedensbotschafter ich bin.

Dankbar folge ich nun dem weiteren Zeitplan, welcher sachlicher und formeller Natur ist und mich mit dem stellvertretenden Direktor des Instituts für Genozid-Forschung, Suren Manukyan, zusammenbringt. Der gebürtige Syrer mit armenischen Wurzeln hat in Damaskus Politik studiert und gewährte mir einen kurzen Zugang zu den Räumen des Institutes. Wegen der knapp bemessenen Zeit war ein umfassendes Gespräch nicht möglich, doch vereinbarten wir den Kontakt aufrecht zu erhalten, um in der Zukunft einen intensiveren Austausch zwischen dem Zentralrat Orientalischer Christen in Deutschland und dem Institut zu pflegen.

Für die nächste Etappe dieses für mich doch unerwartet äußerst anstrengenden Tages war ich nun besser vorbereitet. Der Besuch des Denkmals für die ermordeten orientalischen Christen, in Armenien und Georgien ausschließlich als Assyrer bezeichnet, erlaubte mir den Blick auf die eigene Person und Identität. Dass sich das armenische Parlament in zähen Verhandlungen durchgerungen hatte auch diesen Genozid anzuerkennen war keine Selbstverständlichkeit. In Anbetracht der schwierigen Situation gleicht dies einem Schlag ins Gesicht der Deutschen Diplomatie, welche den Genozid bis heute nicht als historische Tatsache anerkennt. Das viel kleinere Armenien, angrenzend an die heutige Türkei, hat den Mut bewiesen, die Dinge beim Namen zu nennen. Und dies nicht nur bezogen auf die Assyrer, sondern auch auf die Jeziden, die ebenfalls von dieser ethnischen Säuberung betroffen waren und heute auf besonders grausame Weise von den Barbaren des IS regelrecht abgeschlachtet werden.

Nach dem letzten Mahnmal der Trauer geht mir wieder die Textpassage durch den Kopf, welche im Osmanischen Reich die Gesetzesgrundlage der Scharia als Rechtsgrundlage verankert hat und damit automatisch die Menschen in eine Zweiklassengesellschaft unterteilt.

Vielleicht wird es für die Welt des Islams nun Zeit, sich genau mit diesem Thema auseinanderzusetzen, welches die Schlächter des IS dazu verwenden, um ein „Gegen mich oder für mich“ an den Tag zu legen. Denn beim heutigen Genozid, der unter unseren Augen stattfindet, geht es nicht mehr nur um Christen, Juden oder Muslime, die gemessen an den Opfern ein viel größeres Leid zu beklagen haben.

Es geht um Vernunft und Menschlichkeit. Und nach heutigen Maßstäben betrachtet steht die Scharia in ihrer Gänze im Konflikt mit den allgemein gültigen Menschenrechten.

Nun liegt es einerseits an den Gelehrten der islamischen Welt selber, diesen Zustand zu ändern. Es ist zu befürchten, dass dies leider mit blutigen Auseinandersetzungen verbunden sein wird. Und es liegt am Westen endlich zu begreifen, dass die Sicherung von Ressourcen, verbunden mit einem Unverständnis für die tiefreligiösen Kulturen des Nahen Ostens, eine Sichtweise auf ihn erweckt, welche die innerislamischen Reformer nicht gerade unterstützt. Ihre Bestrebungen sogar noch eher konterkariert.

In diesem Zusammenhang durchlaufe ich gedanklich die Gespräche mit politischen Institutionen in Deutschland, die sich zur politischen Elite zählen und in der Theorie für alles eine Erklärung haben, um am Ende doch nichts in den Händen zu halten.

Außer die Perspektive des herabblickenden Mitteleuropäers auf die Gesellschaft des Nahen Ostens, die eher einem Gemisch aus Mitleid und außerordentlicher Arroganz entspricht. Eine Arroganz, die in einer nahöstlichen Sichtweise mündend dem Westen, und dies zu Recht, eine Doppelmoral vorwirft.

Denn bevor wir von der heutigen Türkei die Aufarbeitung des Genozids zwischen 1915 und 1918 abverlangen können, liegt es zunächst an der Bundesregierung, diesen anzuerkennen. Als Zeichen an die Welt, dass Moral vor Macht steht.

Ich habe mich dazu entschieden, keinen Hass in mein Herz einfließen zu lassen. Denn genau das ist das Ziel derer, die damals Hass und Schrecken verbreitet haben. Und es entspricht auch den Zielen der Verblendeten, die heute in Bagdad, Mossul, Ankara und Paris Menschen wahllos abschlachten.

 

Simon Jacob, 25.11.2015. Jerewan

 

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