Assyrisch Christliche Jugend im Iran
Ort: Iran/Urmiah
Themenbereich: Gesellschaft

Datum: März – 2016

Assyrisch Christliche Jugend im Iran

In Urmiah, dem Zentrum der Assyrisch – Apostolischen Kirche im Norden des Irans, stellt mir Vater Eilosh, unser Teamleiter an diesem wunderschönen Ort, seine Familie vor. Neben Augin, seinem Sohn, der hervorragend Englisch spricht und die gesamte Gruppe seit Tagen bereits begleitet, treffe ich Sidori.

Sie ist die Nichte des Geistlichen und gerade erst 19 Jahre alt. Erstaunlich ist, dass auch sie und ihre kleinen Geschwister exzellent Englisch sprechen. Anders würden wir uns kaum unterhalten können. Es ist Samstag und wir sind alle zu einem üppigen Mittagessen eingeladen. Die Großeltern, die Tanten und Onkel und alle die kleinen Nichten und Neffen.

Gerade die Jugend blickt mit teils verschiedenen Ansichten in die Zukunft. Während die Generation der Großmütter und Großväter nichts anderes kannte als das einfache, aber gute Leben im Norden des Irans, sehnt sich die Jugend nach Veränderung. Gerade das digitale Zeitalter trennt die Enkelgeneration von den Großeltern. Dazwischen die, die gefangen sind zwischen intensiven Heimatgefühlen und dem Druck der Jugend, Veränderungen einzugehen.

Veränderungen, die auch Sidori vorsichtig anspricht. Die junge Frau möchte eines Tages Modedesign studieren. Sieht aber ihre Zukunft vielleicht einmal in einem anderen Land, wo sie mehr Möglichkeiten dazu hat. Und hier gelangen wir nun an einen Disput, eine Auseinandersetzung, mit der sich der Iran im Allgemeinen beschäftigen muss. Unabhängig davon welcher Ethnie oder Glaubensrichtung die iranische Jugend angehört. Viele haben die gleichen Gedanken wie die junge Frau. Egal ob ich nun Jugendliche in Teheran, Ishafan, Urmiah oder Ghom traf.

Alle plagen die gleichen Sorgen.

1. Der wirtschaftliche Ausblick ist getrübt. Dieser treibt die Jugend ins Ausland
2. Die straffen Restriktionen wie zum Beispiel die Kleiderverordnung. Dies hat sich zwar in den letzten Jahren gelockert. Doch wie mir scheint, haben gerade junge Menschen in den Metropolen Schwierigkeiten damit, in ihrem Kleidungsstil eingeschränkt zu werden.

Persönlich bin ich der Meinung, dass alle Iraner, unabhängig ob sie nun Christen, Schiiten, Sunniten, Juden oder sonst etwas sind, den Iran lieben und diesen auch als ihre Heimat betrachten.
Sie wären jederzeit bereit, das Land gegen alle Aggressoren zu verteidigen.
Dies war der Tenor aller Gespräche die ich führte.

Wenn der Iran unter Anbetracht der Situation, dass die iranische Bevölkerung sehr jung ist (das Durchschnittsalter im Iran beträgt 29,54 Jahre), nicht gegensteuert, werden viele aus den genannten Gründen auswandern. Das wird sich nicht verhindern lassen und das Land verliert seine Jugend.

Doch bin ich auch zuversichtlich, dass die Regierung genau dies erkannt hat. Und für den westlichen Beobachter mag es als zu gering erscheinen, wenn man aktuelle Veränderungen beobachtet, die mehr Freiheiten und Möglichkeiten gewähren. Doch betrachtet man dies nach den Maßstäben einer Jahrtausende alten Kultur, ist jeder kleine Schritt ein Fortschritt in die richtige Richtung.

Ich bin der beste Beweis dafür.

Als Journalist besuchte ich vier Wochen dieses wunderschöne Land.
In Deutschland zurück wurde ich oft gefragt, weshalb ich nicht verhaftet wurde.

Verwundert fragte ich nach dem „Warum“?

Ich bekam immer die gleiche Antwort.

„Das Regime verhaftet alle Journalisten aus dem Westen.“

Nun, ich habe wirklich das Gegenteil erfahren. Man bat mich sogar, auch kritische Themen anzugehen. Immer unter dem Grundsatz alles aus einer objektiven Sichtweise zu betrachten.

Was ich tat und auch weiterhin tun werde.

Simon Jacob, München, 25. September 2016