Aylas Seifenblasen und das Geschenks des Lachens

Land: Irak
Ort: Nordirak/Sherfedin
Datum: 07.12.2015

Ayla ist eine gute Freundin und ein wunderbarer Mensch. Als sie Mitte des letzten Jahres (2015) von meiner Reise erfuhr, war sie von Beginn an begeistert und bot mir Hilfe an. Als ausgebildete Krankenschwester wollte sie mich medizinisch unterstützen. Also schnürte sie mir ein Erste – Hilfe – Paket zusammen mit allen Notwendigkeiten, die man auf einer Reise so benötigt. Doch das Paket enthielt mehr. Es lagen mehrere kleine Fläschchen in Form länglicher Stäbe, gefüllt mit einer sonderbaren Flüssigkeit, darin. Ich gestehe ein, dass mir nach längerer Betrachtung und selbst dem Öffnen eines der Behälter nicht klar war, um was es sich handelte. Dabei hätte ich nur den Ring beachten müssen, welcher an der Innenseite des Aufschlussdeckels befestigt war und mehr über die Funktion dieses komischen Gegenstandes verriet. Irritiert kontaktierte ich Ayla und fragte nach der Funktion des mehrfach vorhandenen Gegenstandes. Ayla fing an zu lachen. Nun war ich noch irritierter und ich fragte mich, ob ich vielleicht einfach eine technologische Entwicklung verpasst hatte, derer ich mir nicht bewusst war. Was in meinem Fall eher selten ist, da ich ein sehr technikaffiner Mensch bin.

Ayla löste mit einem Schmunzeln das Rätsel auf, nicht ohne dabei zu vergessen, mich auf meine Kindheit hinzuweisen. Nun begriff ich. In den Behältern war Seife. Das runde Ding mit der Öffnung in der Mitte war der Seifenblasenring. Wenn man nun geschickt genug ist, so wie ein verspieltes Kind, kann man daraus wunderschöne Seifenblasen zaubern.

Ja, ich erinnere mich an meine Kindheit. Stellte aber beim Versuch selber Seifenblasen herzustellen fest, dass ich diese kindliche Fähigkeit verlernt habe. Egal wie ich es auch anstellte, ich konnte Aylas Geschenk keine Seifenblasen entlocken.

Ayla amüsierte sich auch über diese Tatsache köstlich, mit dem Hinweis, dass das sowieso als Geschenk für Kinder auf meinem Weg gedacht sei. Ayla hatte keine besondere Vorstellung an welche Kinder ich das „Seifenblasenspielzeug“ übergeben sollte. Also habe ich mir vorgenommen, vor Ort intuitiv die richtige Entscheidung zu treffen.

Der Platz in meinem Rucksack war wirklich rar und trotzdem schaffte ich es immer wieder irgendwo eine Lücke zu finden, in die ich die Seifenblasen verstauen konnte.

Sie kamen mit mir nach Istanbul, Izmir, Marmaris, Antalya, Antakya usw. Landeten im Tur Abdin, im südöstlichen Teil der Türkei und wanderten bis an die türkisch – irakische Grenze in die türkische Provinz Hakkari. Dann flogen sie mit mir nach Tiflis, in die Hauptstadt Georgiens. Durchstreiften dieses wunderschöne Land und passierten schließlich die georgisch – armenische Grenze. In Jerewan, der Hauptstadt Armeniens, hätte es ebenfalls jede Menge Möglichkeiten gegeben, die Seifenblasen zu verteilen. In jedem Land welches ich durchquerte gab es Kinder, viele davon Flüchtlinge, die sich über das Geschenk gefreut hätten. Doch hatte ich immer wieder das Gefühl, dass dies nicht Aylas Wunsch entsprochen hätte.

Unbewusst war ich mir im Klaren, dass das Geschenk meiner Freundin aus Gießen an einem besonderen Ort auf seine Empfänger wartete. Einen Ort, den ich aber am allerwenigsten vermutet hätte. Und doch packte ich das Seifenblasengeschenk, welches mich nun seit so langer Zeit treu begleitete, in meinem kleinen Rucksack für kurze aber flexible Ausflüge, als es in die Shingal Region im Nordirak ging. Der Ort, an dem der der Islamische Staat unsagbar Grauenvolles angerichtet hat. An dem ein Genozid an den Jesiden verübt wurde und hunderttausende Jesiden und Christen ihre Heimat verloren hatten. Der Ort der Massengräber, über die ich berichtet habe und der völlig zerstörten Stadt Sindschar. In der Nähe der Massengräber liegt das zweitwichtigste Heiligtum der Jesiden. Ein Tempel in Sherfedin. Der IS belagerte die heilige Stätte mehrere Monate lang. Doch die tapferen Kampfeinheiten der Jesiden wehrten sich und siegten gegen den IS. Sie retteten damit nicht nur ihr zweitwichtigstes Heiligtum, sondern auch das Leben unzähliger unschuldiger Frauen, Männer und Kinder, die sich hinter dem Tempel in den Hügelketten versteckt hatten.

Ich übernachtete in der Nähe des Tempels und am nächsten Tag erblickte ich die ersten Sonnenstrahlen, die die Eiseskälte der Nacht um mich herum vertrieben. Ich nahm Stimmen wahr. Kinderstimmen. Instinktiv schulterte ich meinen Rucksack, überprüfte meine Ausrüstung und verließ das Gebäude in dem ich mich befand. Ich folgte den Kinderstimmen um schließlich vor ein paar Containern zu stehen. Die Türe war offen. Ich blickte hinein. Und plötzlich war es stumm. Ich war mir zunächst nicht bewusst warum die Kinder plötzlich so still waren, doch bemerkte ich wie mich alle ansahen. Schwarze Hosen, ein langer Bart, eine Mütze auf dem Kopf, eine Lederjacke usw.

Ich musste ziemlich fremd auf sie wirken.

Ein junger Lehrer, der freundlich auf mich zukam, wusste bereits dass ich vor Ort war und klärte mich darüber auf, dass ich mich in einer Art Kindergartenvorschule befand, in der den Kindern Grundbegriffe in Englisch beigebracht werden.
Ich blickte in die Augen dieser kleinen Wesen, Mädchen und Jungen. Ich schloss die Augen. Die Bilder der Massengräber fegten wieder über meinen Verstand hinweg. Die Kinderknochen, die ich in den Händen hielt, kamen mir wieder in Erinnerung. Ich verlor den Klang des Lachens dieser Kinder, welcher ein paar Minuten zuvor so wunderbar schön und friedlich klang. Es verstummte.

Ich verstummte, für ein paar Sekunden.

Der Lehrer blickte mich an, die Kinder blickten mich an.
Nun wusste ich, was ich zu tun hatte. Ich legte meine Ausrüstung und meinen Rucksack ab.
Holte Aylas Geschenk heraus. Übergab es dem Lehrer.
Dieser wusste scheinbar instinktiv was damit anzufangen ist.
Er schraubte den Deckel eines der Behälter auf und zauberte wunderbare Seifenblassen in die Luft. Die Kinder tobten, fingen an die Seifenblasen einzufangen und durschnitten die Stille der Luft mit ihrem so wunderbaren Lachen. Es klang für mich wie Musik. Töne in den wunderschönsten Farben. Die Kinder schenkten mir ein Lächeln und für einige Minuten vergaß auch ich was ich bisher gesehen hatte. Das ganze Leid, der Tod, die Qual und das Wissen um die Opfer verließen für einige Momente mein Gedächtnis. Und an Stelle dieser qualvollen Erinnerungen durchdrang ein Licht meine Seele, welches sich in mein Gesicht zauberte.

Ich kann bis heute keine Seifenblasen pusten. Doch weiß ich, dass Aylas Geschenk die richtigen Empfänger fand.

Ayla, danke für das Lächeln, an dem auch ich teilhaben durfte.

Diese Erinnerung ist ein besonderer Schatz, welchen ich immer in meinem Herzen trage werde.

Simon Jacob

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