Beim Bundespräsidenten – „Flüchtlinge in Deutschland – Integration ermöglichen“

Land: Deutschland
Ort: Berlin
Topic: Treffen mit dem Bundespräsidenten
Datum: 07.04.2016

 

Artikel 1 des Grundgesetzes:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen Verpflichtung aller staatlichen Gewalt“

Mit diesen Worten beendete Joachim Gauck, der siebte Präsident der Bundesrepublik Deutschland, ein bedeutendes Forum, welches über den ganzen Tag verteilt, unterbrochen durch zwei Pausen, im Schloss Bellevue abgehalten wurde.

Es ist ungewöhnlich einen Bericht bei einem so gewichtigen Thema, welches das Bild Europas verändern wird und die europäische Gemeinschaft vor immensen Herausforderungen stellt, mit dem Ende zu beginnen. Doch ist das Ende, in diesem Fall das Bekenntnis zu den universellen Menschenrechten und der damit verbunden Menschlichkeit der Grund, weshalb ich letztes Jahr im September zu einer fast siebenmonatigen Reise durch die Länder des Nahen Ostens und des Kaukasus aufbrach.
Auf meiner Reise, die ich „Peacemaker Tour“ nannte, durchstreifte ich die Türkei, Georgien, Armenien, den Irak, Syrien und schlussendlich den Iran. Immer mit dem Ziel vor Augen, mich mit allen Schichten der Gesellschaft auseinanderzusetzen. Mit Politikern, Künstlern, Intellektuellen, Geistlichen und vor allem, dies war mir besonders wichtig, mit den einfachen Bürgern und der Jugend. Ziel war es zu definieren, auch als Beweis für mich selber, ob Frieden möglich ist. Ja, ob der Wille der Bevölkerung überhaupt vorhanden ist, sich einem Prozess hinzugeben, welcher Frieden ermöglicht.
Oder ob man zunächst einmal nach Europa fliehen muss, wo es erst seit 70 Jahren, nach blutigen Kriegen, einen dauerhaften Frieden gibt.
Mehr als 35.000 km habe ich zurückgelegt. Beginnend in Istanbul, wo ich mit hohen Geistlichen und Menschenrechtlern das Gespräch suchte, die Ägäisküste entlang, von der aus die Flüchtlinge ihre Reise antreten, hin nach Antakya, zu den Ursprüngen des Christentums. Von dort aus ging es in den Tur Abdin, in dem ich einst auf die Welt kam. Über das christlich historische Georgien, welches uns zeigen kann, wie man verschiedenste Völker integriert, reiste ich weiter in das immer noch traumatisierte Armenien, welches den Genozid nicht vergessen kann. Ich besuchte die Schlachtfelder im Irak, wo ich über die Massengräber des IS berichtete ebenso wie Syrien, in dem eine Formation, bestehend aus Kurden, Sunniten, Turkmenen und Suryoye (Christen) mit Unterstützung der Nato den IS entscheidend schwächt. Die letzten drei bis vier Wochen meiner mehrmonatigen Reise verbrachte ich im Iran. Einem Land, welches so vielschichtig ist, dass es nur ein Bild mit tausend Farben beschreiben könnte.

Ich kann jedem versichern, dass die meisten Menschen dieser Länder genau das anstreben und gerne leben möchten, was in Artikel 1 des Grundgesetztes geschrieben steht.

Menschlichkeit, verbunden mit Frieden.

Und aus diesem Grund bin ich der festen Überzeugung, dass es nur eine dauerhafte Lösung geben kann um
a) Die europäische Gesellschaft nicht an den Rand des Zusammenbruchs zu bringen
b) Die Gründe für Flucht zu beenden

Beide Punkte sind eng verwoben mit der Notwendigkeit, Frieden, verbunden mit wirtschaftlichem Wachstum, Sicherheit, politischer Stabilität und Bildung zu schaffen.

Um dieses Ziel dauerhaft zu erreichen sind alle Akteure gefragt. Sowohl die im Nahen Osten als aus auch die, welche aus der Sichtweise des nahöstlichen Bürgers als dem Westen zugehörig betrachtet werden.

Sehen wir nun die aktuelle Flüchtlingswelle, die größte Herausforderung der Republik seit der Wende, als Chance, könnten die Neuankömmlinge den Keim dessen bilden was Frieden und Demokratie ausmachen, um diesen in ihre Ursprungsländer wieder hineintragen zu können.

Scheitern wir dagegen mit der Integration, dem Bestreben den Neuankömmlingen zum Beispiel mehr als deutlich klar zu machen, dass Frieden einen offenen und liberalen Dialog bedingt wenn es beispielsweise um die Gleichheit der Geschlechter, der Religionen oder der sexuellen Ausrichtung geht, scheitert auch ganz Europa.

Deswegen war die klare Aussage des Bundespräsidenten so wichtig. Die Würde des Menschen steht über der religiösen, kulturellen und ethnischen Zugehörigkeit.
Für mich als Bürger dieses Landes, als Deutscher, der auch ich mit meinem kulturellen Hintergrund bin, ich gehöre der christlichen Minderheit in der türkisch – syrischen Grenzregion an und bin dort auch auf die Welt gekommen, bildet dieser Artikel des Grundgesetzes die Grundlage unserer Moral. Unabhängig davon aus welcher Region meine Eltern einst flüchteten oder welchen Glauben ich habe.

Ohne Zweifel: Die Herausforderungen sind gewaltig. Die meisten Flüchtlinge kommen aus einer Region, auch dies ist nun einmal die Wahrheit, in der ein archaisches Frauenbild herrscht und in der der Frau, je nach Herkunftsland, mal mehr, mal weniger Wert beigemessen wird. In der zum Beispiel Christen und Jesiden, Angehörige kleiner Religionsgemeinschaften, mal unterdrückt, mal verfolgt und auch immer wieder bestialisch ermordet werden. Es sind Regionen, in denen es Homosexuelle schwierig haben. In den Gebieten des islamischen Staates müssen sie mit dem Tod rechnen. Das Thema Sexualität wird allgemein tabuisiert.

Ja Herr Bundespräsident, wir stehen vor gewaltigen Herausforderungen. Und, auch dies zeigten die zahlreichen Diskussionen die auf dem Podium stattfanden, dass es um den Islam geht.

Wir sollten uns alle nichts vormachen und Dinge beschönigen. Am allerwenigsten haben das die muslimischen Teilnehmer getan, wie Dr. Milad Karimi, stellvertretender Leiter des Zentrums für Islamische Theologie in Münster oder Ahmad Mansour, Dipl. Psychologe, denen ich dafür mehr als dankbar bin.
Umso erstaunter war ich immer wieder, dass unter den zahlreich vertretenen Gästen von den Universitäten, den Medien und der Politik im Besonderen die Schwierigkeiten damit hatten offen und kritisch mit „noch“ Tabu – Themen umzugehen, die anscheinend noch nie im Nahen Osten waren.
Mein nun folgender Bericht gibt Aufschluss darüber, wie und in welchem Rahmen dieser Tag stattgefunden hat. Verbunden mit der Hoffnung, dass dies ein Anfang war, um ein Thema anzugehen, welches bereits mit der ersten Migrationswelle aus der Türkei nach Deutschland begann.

1. Eröffnungsrede des Bundespräsidenten

In seiner Ansprache stellte Gauck deutlich klar, dass ein Integrationsprozess in die Mehrheitsgesellschaft mit all ihren Werten und Normen, von Anfang an beginnen muss. Dies stellt die Republik vor großen Herausforderungen, so der Präsident weiter.
Alle Flüchtlinge, die hier eine Bleibeperspektive haben, müssen wir begleiten. Aber den vielen, die keinen Titel bekommen werden und gehen müssen, sollten wir behilflich sein.
Innerhalb dieser gewaltigen Aufgabe werden wir uns schonungslos und ehrlich dem politischen Diskurs stellen müssen. Wohnungsbau, schulische Erziehung, Wertevermittlung, Landeskunde usw. sind nur einige Punkte, welche die staatlichen Institutionen fordern werden.

„Wir müssen uns Konflikten stellen und sie friedlich lösen und das sein, was wir gemeinsam sein können. Zunächst als Bürger, dann kommt die kulturelle und religiöse Zugehörigkeit.“
Mit diesen Worten beendete Gauck seine Eröffnungsrede ohne vorher nicht zu vergessen, mit sehr emotionalen Worten auf die Hilfe der vielen ehrenamtlichen Mitarbeiter hinzuweisen, die sich in den letzten Monaten fast schon bis zur Ohnmacht aufgeopfert haben.
Ohne sie wäre das System mit Sicherheit zusammengebrochen.

2. Begrüßung durch Uta – Micaela Dürig, Geschäftsführerin der Robert – Bosch – Stiftung

Uta Micaela Dürig, Geschäftsführerin der Robert – Bosch – Stiftung, welche das Forum organisierte, wies darauf hin, dass Deutschland bereits ein Einwanderungsland ist. Trotz der offensichtlichen Tatsache dass ihre Worte von Wahrheit geprägt sind, und dies bereits seit Jahren, war es für viele Politiker in der Vergangenheit schwierig dies auch zu akzeptieren.
Die Stiftung blickt nunmehr auf 10 Jahre Integrationserfahrung zurück und betrachtet den nun bevorstehenden Prozess als Chance für die gesamte Gesellschaft. Dazu bedarf es allerdings einer vorausschauenden Strategie, wie die Stiftungsleiterin betonte.

3. Erste Podiumsdiskussion

Souverän und mit Humor wurde die erste Podiumsdiskussion vom bekannten ZDF Moderator Mitrin Siri geleitet, der seine Wurzeln in der Türkei, in Antakya, hat.
Eingeladen waren Sebastian Fiedler vom Bund Deutscher Kriminalbeamter, der deutlich machte, dass man nach den Vorfällen in Köln während der Silvesterfeierlichkeiten des letzten Jahres klar und deutlich über vorher tabuisierte Themen reden muss.
Würden wir dies nicht tun, riskierten wir eine Radikalisierung der Mitte der Gesellschaft. Die zunehmenden Angriffe auf Asylbewerberheimen deuten dies bereits an.

Dr. Hussein Hamdan, Islamberater für Kommunen in Baden – Württemberg, kritisierte den Umgang politischer Institutionen im Umgang mit den Brückenbauer, zu denen er sich ebenfalls zählt, wenn man offen und kulturbezogen mit dem Thema umgeht.
„Man versucht uns zu formen“, so der Islamberater.
„Wodurch man seine Authentizität verliert und damit leider den Zugang zu den Gemeinschaften“.
Dem kann ich, ebenfalls aus leidvoller Erfahrung, nur zustimmen. Meist gut gemeint, konterkarieren politische Institutionen wie zum Beispiel Stiftungen dadurch ihre eigenen Bestrebungen, Demokratie zu vermitteln. Nichtahnend, dass sie durch ihre oftmals unbewusst von oben herablassend wirkende Art und Weise den benötigten Brückenbauern immensen Schaden zufügen.

Außerordentlich deutlich war die Betonung von Dr. Hussein Hamdan, dass der Umgang mit Freiheit und Sicherheit erst einmal erlernt werden muss.
Nicht jeder kann mit Freiheit umgehen. Eine Tatsache, die man in Deutschland erst einmal verinnerlichen muss, bevor man den Umgang mit Flüchtlingen aus einem patriarchalischen Umfeld pflegt.

Die Oberbürgermeisterin von Köln, Henriette Reker, betonte wie wichtig es ist, der deutschen Sprache mächtig zu sein. Denn ohne vernünftige Sprachkenntnisse könnte niemand an der Gesellschaft partizipieren. Ähnlich äußerte sich Detlef Scheele, Vorstand des Arbeitsmarktes der Bundesagentur für Arbeit. Ohne Sprachkenntnisse würde man keinen Anschluss am Arbeitsmarkt finden, so der Arbeitsmarktexperte. Aber gerade der Beruf fördert, im Umgang mit den Berufskollegen, den Integrationsprozess und ein gegenseitiges Verständnis.

Petra Schickart, ehemalige Chemikerin und Gründerin der „AG Asylsuchende“ im Landkreis Sächsische Schweiz – Ostererzgebirge, sieht viel Nachholbedarf bei der Aufklärung der Thematik, besonders im Osten der Republik. Sie sieht sich massiven Anfeindungen ausgesetzt. Umgehen kann man diese nur mit einem offenen Dialog mit allen Beteiligten.
Gisela Schultebraucks-Burgkart, Schulleiterin einer Grundschule in Dortmund, hat ein Konzept entwickelt, um Migrantenkindern eine Vollzeitbetreuung anbieten zu können.
Dies wäre zwingend erforderlich, weil ansonsten der Integrationsprozess einen umgekehrten Weg einnimmt. In Klassen, in denen mehrheitlich Migrantenkinder vertreten sind, würden diese die deutschen Kinder in ihr eigenes kulturelles Umfeld integrieren.
Es ist auch klar, dass eine Vollzeitbetreuung, mehr Kosten verursacht, so die Schuldirektorin weiter.

4. Themenforen

Nun erfolgte der für die anwesenden Experten intensivste Teil des Tages. Aufgegliedert in sechs verschiedene Themenbereiche sollten die Anwesenden aus Politik, Medien und Universitäten Thesen ausarbeiten, welche für den Integrationsprozess von Bedeutung sind.
Die Themenbereiche wie folgt:

a) Bildung und Spracherwerb
b) Zugang zu Ausbildung und Arbeitsmarkt
c) Stadtentwicklung und Wohnraum
d) Zivilgesellschaftliches Engagement für Flüchtlinge
e) Kulturelle Bildung und Teilhabe
f) Gesellschaftlicher Zusammenhalt: Werte, Kultur und Religion
g) Innere Sicherheit

Mit anderen hochkarätigen Teilnehmern wie Ahmad Mansur, Dipl. Psychologe, Robert Preuß von der Süddeutschen Zeitung und Mitglied der Robert Bosch Expertenkommission oder Ali Ertan Toprac , Präsident der Bundesgemeinschaft der Immigrantenverbände in Deutschland e. V., nahm ich stellvertretend für den Zentralrat Orientalischer Christen in Deutschland e.V. am Themenbereich „f – Gesellschaftlicher Zusammenhalt „ teil.
Dies übrigens als einziger Vertreter einer orientalisch –christlichen Organisation in Deutschland.

In einer mehrstündigen Debatte, der hitzige Gespräche vorausgingen an denen ich beteiligt war, versuchte ich aufgrund meiner Erfahrungen durch die Reisen in den Nahen Osten, die Stellung der Frau und der Minderheiten im innerislamischen Konflikt auszuarbeiten.
Darin resultierend, und hier stimmte mir der renommierte Psychologe und Islamexperte Ahmad Mansur zu, dass die Tabuisierung der Sexualität in der nahöstlichen Gesellschaft ein Mitverursacher der Probleme ist und zu Übergriffen, so zum Beispiel auf Frauen, führt.

Der mehrstündige Workshop war sehr anstrengend, aber fruchtbar. Und so freuten sich alle Teilnehmer über eine Kaffeepause, bevor es zur abschließenden Podiumsdiskussion mit dem Bundespräsidenten ging.

5. Abschließende Podiumsdiskussion

„ Wie gelingt der gesellschaftliche Zusammenhalt? „
„Was macht uns als Gesellschaft aus.“

Mit diesen Fragen beschäftigten sich
– Der Bundespräsident Joachim Gauck
– Professor Dr. Dr. h. c. Hans Joas, Humboldt – Universität
– Dr. Milad Karim, Stellvertretender Leiter für islamische Theologie in Münster
– Professor Dr. Dr. h. c. Gertrude Lübbe – Wolff, Bundesverfassungsrichterin a.D.
– Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der Zeit.

Ebenso souverän und kritisch hinterfragend wie das Eröffnungspodium wurde diese Diskussionsrunde von Moderator Ali Aslan geleitet, der sich auch immer wieder traute, provokante Fragen zu stellen.

So wurde die Glaubwürdigkeit der Medien in Frage gestellt, besonders nach der Berichterstattung in Köln und den Vorfällen, die erst Tage später wahrheitsgemäß veröffentlicht wurden. Dies aus Rücksicht auf die Abstammung der Täter, wie ehrlich und schonungslos offen gelegt wurde.

Dr. Milad Karim sieht gerade den Islam im akademischen Rahmen in der Pflicht, eine verständliche und demokratiekonforme Theologie zu lehren, die auch jeder versteht. Deswegen müsse man „mehr Islam“ wagen, so der Experte.
Damit meint der Sohn von Immigranten, dass der Islamunterricht aus den Moscheen heraus in eine akademische Ausbildung verlagert werden muss, damit dieser dann auch vernünftig an Schulen gelehrt werden kann.

Sieht man sich den Einfluss salafistischer Strömungen in manch einer Moschee in Deutschland, in Belgien oder in Frankreich an, kann man nur zustimmen.

Dabei stellt sich dann nur die Frage, inwieweit ein Islam von der muslimischen Theologie anerkannt wird, welcher zukünftig nach demokratisch –europäischen Maßstäben gelehrt wird? Die Muslime selber sind meinem Erachten nach schon lange bereit dazu.

Dennoch kann ich Dr. Milad Karim zustimmen.

Findet der Islam innerhalb eines innerislamischen Diskurses nicht zu sich selber, so wie es einst das Christentum getan hat, werden wir mit Hindernissen bei der Integration rechnen müssen.

Dass diese positive Entwicklung im Islam durchaus möglich ist, haben mir meine vielen Reisen in den Nahen Osten gezeigt, wo die benötige innerislamische Auseinandersetzung im Gegensatz zu Europa schon längst begonnen hat.

In diesem Sinne kann ich mich nur an den letzten Satz des Bundespräsidenten halten und betonen, dass die Würde des Menschen unantastbar ist und über der Religion, der Kultur, der Ethnie, der sexuellen Ausrichtung oder des Geschlechts steht.

Simon Jacob, Berlin, 7. April 2016