Land: Deutschland
Ort: Berlin
Datum: 24.08.2016
Topic: Genozid

Holocaust-Mahnmal

„Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen: Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben“
Primo Levi, 1919-1987

Mit diesen Worten wird der Besucher gleich zu Beginn im „Ort der Information“ in Berlin empfangen. Nach siebzehnjähriger Planungs-und Bauphase wurde 2005 das Denkmal für die ermordeten Juden Europas inmitten der Hauptstadt Deutschlands eingeweiht. Die wellenförmige Struktur des Stelenfeldes setzt sich unterirdisch fort und begleitet den Besucher in jedem Raum.

Bereits der Auftakt mit der Chronologie der Ereignisse hinterlässt ein bedrückendes Gefühl, das der gefühlvoll und hervorragend gesprochene Audioguide noch verstärkt. Im sich anschließenden „Raum der Dimensionen“, der durch das wenige Licht und von oben drückende Stelen beklemmenden wirkt, beinhaltet Abschiedsbriefe und Notizen, die oftmals in großer Eile und unmittelbar vor dem Tod geschrieben wurden. Schätzungen zu Folge kamen im nationalsozialistisch geprägten Europa bis zu etwa 6 Millionen Juden durch Giftgas und bei Massenerschießungen, durch Hunger und Zwangsarbeit ums Leben. Nur wenige der ermordeten Kinder, Frauen und Männer konnten noch ein Schreiben an ihre Liebsten hinterlassen, wie das der kleinen Judith Wischnjatskaja 1942.

„Lieber Vater! Vor dem Tod nehme ich Abschied von Dir. Wir möchten so gerne leben, doch man lässt uns nicht, wir werden umkommen. Ich habe solche Angst vor diesem Tod, denn die kleinen Kinder werden lebend in die Grube geworfen. Auf Wiedersehen für immer. Ich küsse Dich inniglich. Deine J.“

Diese Worte bleiben in meinen Kopf, als ich weitergehe in den „Raum der Familien“. Hier werden die Schicksale einzelner Familien erzählt. Mein Blick fällt auf eine Spalte mit Namen die zeigt, wieviel Mitglieder der Familie den Genozid überlebt haben: ein einziger Name ist hell. Ich nehme mir Zeit, viel Zeit, um mir die Geschichten der Familien anzuhören, der Familie Dreyfuss, der Familie Habermann und wie sie alle heißen. Ihre Geschichten schmerzen.  Was war das Verbrechen dieser Menschen? Was das Vergehen dieser Kinder? Dass sie einen anderen Glauben besitzen?

Je weiter ich vorwärtskomme, umso mehr friere ich innerlich. Im „Raum der Namen“ werden die Namen von Ermordeten und ihre Kurzbiografien vorgelesen. Würde man versuchen allen eine Kurzbiografie in der Form wie hier gezeigt zu geben, würde es über 6 ½ Jahre dauern, bis alle genannt wären. Wie viele von den 6 Millionen Opfern sind wohl namenlos geblieben? Einfach verscharrt oder verbrannt von den Nationalsozialisten.

Eine Karte im „Raum der Orte“ bestürzt mich besonders. Ausschwitz, Bergen-Belsen, Treblinka, Dachau sind geläufige Namen, wenn es um die Ermordung der Juden geht. Die Bilder dazu nicht unbekannt. Diese Karte jedoch zeigt fünfhundert von tausenden von Orten, die als Vernichtungslager, Ghettos, Erschießungsstätten oder als Ausgangsorte für Deportationen dienten. Und die Opfer waren nicht nur Juden. Nicht zu vergessen ist, dass auch Sinti und Roma, Kriegsgefangene, Menschen mit Behinderung, Homosexuelle, politische Gegner und Widerstandskämpfer zu den Opfern der Nationalsozialisten gehörten.

Als ich endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, den Ort der Informationen verlasse, der so viel Leid aufzeigt, können mich die Sonnenstrahlen, die mich draußen empfangen, nicht wärmen. Mein Blick wandert über das Stelenfeld und meine Gedanken schweifen ab. Siebzehn Jahre hat es gedauert, bis man den Opfern hier eine Gedenkstätte errichtet hat. Noch länger hat es gedauert, bis Deutschland es geschafft hat, dieses dunkle Kapitel seiner Geschichte, den Völkermord an den Juden, aufzuarbeiten.

Völkermord – drei Monate zuvor war ich hier in Berlin, im Bundestag auf der Tribüne, bei der Verabschiedung der sogenannten „Armenien-Resolution“. Und ja, auch das war ein Völkermord. Aber ebenso wenig, wie ich am Genozid an den Juden eine Mitschuld trage, trägt die heutige türkische Bevölkerung eine Mitschuld am Völkermord an den Armeniern, Suryoye und Pontos-Griechen. Aber sie täte gut daran, ihre Geschichte aufzuarbeiten, damit sich dieselben Fehler nicht wiederholen. In derselben Form, wie auch der Nahe Osten einmal den Völkermord an den Jeziden und die Vertreibung der Christen aufarbeiten wird müssen. Ich sehe zwischen der heutigen Situation und damals viele Parallelen.

Mir kommen die Worte in den Sinn, die Sabina van der Linden bei der Einweihung des Holocaust-Mahnmals sagte:

„Was habe ich aus meinen bitteren Erfahrungen gelernt? Ich habe gelernt, dass Hass immer Hass hervorbringt. Ich habe gelernt, dass wir nicht schweigen dürfen und dass jeder Einzelne von uns gegen das Böse in Gestalt von Rassismus, Diskriminierung, Vorurteilen, Unmenschlichkeit kämpfen muss. Ich habe wiederholt gesagt, dass ich nicht an Kollektivschuld glaube. Und ich erlaube mir, die Worte des großen Schriftstellers und außergewöhnlichen Menschen Elie Wiesel wiederzugeben: »Die Kinder der Mörder sind keine Mörder. Wir dürfen ihnen niemals die Schuld für das geben, was ihre Vorfahren getan haben. Aber wir können sie dafür zur Verantwortung ziehen, wie sie mit der Erinnerung an das Verbrechen ihrer Vorfahren umgehen.«“

Ich gebe mir einen Ruck und lasse meinen Blick ein letztes Mal über das Stelenfeld schweifen –
ich werde nicht schweigen

Daniela Hofmann