Laut Dawood Nazirizadeh, Vorstandsmitglied der Islamischen Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands, kurz IGS, leben ca. 500.000 schiitische Muslime in Deutschland.
Die ersten schiitischen Bürger in Deutschland waren einst Migranten aus dem Iran. Meistens Unternehmer und Kaufleute. Doch das Bild hat sich in den letzten Jahren massiv geändert.

Bedingt durch die Umbrüche und Konflikte in der nahöstlichen Welt, stammen die meisten Bürger schiitischen Glaubens aus dem Irak, dem Libanon, Afghanistan, Indien, Pakistan, Bahrain und sogar der Türkei.
Interessant in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass viele Schiiten auch wegen der Unterdrückung, sofern sie in einer sunnitischen Mehrheitsgesellschaft leben, aus ihrer Heimat fliehen.

Noch interessanter ist die Gegebenheit, dass, obwohl in der Masse stark präsent, den Schiiten, die von sunnitischen Extremisten zu Todfeinden erklärt wurden, kaum mediale Beachtung geschenkt wird. Selbst kleinen Gruppierungen, wie die „Ahmadiyya“ Muslime, die ihren Ursprung in Britisch – Indien haben (1880), bekommen in Form einer Repräsentantin mehr Aufmerksamkeit als die Gruppierung der Schiiten.
Fälschlicherweise werden die „Ahmadiyya“ sehr oft als allgemeine Vertreter des Islams dargestellt, obwohl ihre Anhänger einer massiven Verfolgung durch die sunnitischen Glaubensbrüder ausgesetzt sind.

In diesem Zusammenhang war es mir eine Freude, mit Shayan Arkian, Chefredakteur des Online – Portals „IranAnders“, der Schiit ist und in der Heiligen Stadt Ghom (Iran) sowie in Hamburg Theologie, Philosophie, Pädagogik und Politik studierte, ein Gespräch zu führen.

Als ich Shayan, den ich nunmehr seit einigen Jahren kenne, vor ein paar Wochen in Berlin traf, kurz nach dem Anschlag in Orlando, zeigte er mir das Lageso (Landesamt für Gesundheit und Soziales) in Berlin. Die aktuelle Flüchtlingswelle betrachtend und die Ereignisse in Orlando noch frisch im Gedächtnis, meinte der schiitische Denker:

„Da kommt noch etwas auf uns zu“.

Da wir beide bereits seit Jahren die Angewohnheit entwickelt haben einen ehrlichen, aber auch kritischen Diskurs zu führen, warf ich einfach die Frage in den Raum, was es mit der Sexualität eigentlich im schiitischen Islam auf sich habe.

Das daraus resultierende Interview war hochinteressant und wäre tatsächlich eine interessante Vorlage für eine Talkrunde mit weiteren Experten.

„Der Koran hat Sex sells erfunden!“

Simon Jacob: Welchen Stellenwert hat Sexualität im schiitischen Islam?

Shayan Arkian: Sexualität hat im schiitischen Islam einen sehr hohen Stellenwert. Erst einmal muss festgehalten werden, dass nach islamischer Vorstellung das Ziel der Menschen auf Erden ist, Gott durch Anbetung – die zur Vollziehung von guten Taten und zur Vermeidung von schlechten Taten führen soll – näher zu kommen. Dies ist aber nach schiitischer Auffassung nur mit einer gesunden Sexualität – auch im Sinne einer schamlosen Sexualität unter Ehepartnern – möglich. Der Begriff „schamlos“ in diesem Kontext wird tatsächlich in den islamischen Überlieferungswerken der Schiiten erwähnt. Jedenfalls gelten grundsätzlich sexuelle Handlungen unter Ehepartnern als religiös sehr empfohlen und es gibt in dieser Hinsicht fast keinerlei Tabus.

Letztlich geht die Wichtigkeit der Sexualität sogar so weit, dass die Ehefrau die Ehe für nichtig erklären lassen kann, wenn der Ehemann kategorisch außer Stande ist, mit ihr zu verkehren und dadurch verliert sie nicht einmal ihr Recht auf mindestens die Hälfte der Brautgabe. Hintergrund ist, dass nach dieser Auslegung des Islams, die Seele von Mann und Frau im Akt vollkommen werden. Mann und Frau ziehen nach dieser Logik sich gegenseitig an, weil jedem Mann und jeder Frau ein Teil der Seele des anderen Geschlechts fehlt und dieser wird von dem jeweilig anderen Geschlecht begehrt: So wird erst im Akt die Seele vollkommen und kommt somit Gott näher. Im Französischen wird nicht von ungefähr der Orgasmus mit dem „kleinen Tod“ beschrieben. Und in der Tat ist der Muslim nach dem Akt angehalten, die rituelle Vollkörperreinigung zu vollziehen, wie man sie auch bei einem toten Muslim durchführt. Denn beide sind nach dieser Lesart zu ihrem Schöpfer zurückgekehrt.

Simon Jacob: Gibt es Unterschiede zwischen der sunnitischen und schiitischen Auffassung, was das Thema angeht?

Shayan Arkian: Die schiitische Theologie des Islams ist nach meinem Befund sexuell liberaler und freudiger als die sunnitisch-islamische Geisteswelt, die von dem Iraner Al-Ghazali, der sexuelle Enthaltsamkeit empfahl, um Gott näher zu kommen, beeinflusst ist. Demgegenüber ist die schiitisch-islamische Geisteswelt von dem halb Araber und halb Berber Ibn Arabi beeinflusst, der besagt, dass die Liebe zu der Frau / dem Mann, die Voraussetzung für die Liebe zu Gott ist.

Erlauben Sie mir aber an dieser Stelle auf ein Faktum hinzuweisen, das unabhängig von Schiitentum und Sunnitentum ist und insgesamt die Sexfreudigkeit des Islams verdeutlicht sowie eine Schlussfolgerung nahelegt, die wohl kaum jemand so provokativ formulierte: Bekanntlich gibt es im edlen Qur’an die Verse über die Paradiesfrauen/männer, die Gläubigen mit guten Werken als Lohn im Jenseits versprochen sind. So wird in mehreren Versen das Paradies mit diesen umworben, in einem werden die Damen sogar anzüglich „mit schwellenden Brüsten“ beschrieben. Man könnte deshalb sagen, dass das über 1400-jährige alte und heilige Buch der Muslime vermutlich der Erfinder von Sex sells ist.

Simon Jacob: Ist vorehelicher Geschlechtsverkehr im schiitischen Islam nur verpönt oder tatsächlich verboten?

Shayan Arkian: Jeglicher Austausch von Erotik außerhalb der Ehe ist verboten, geschweige dem Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe. Das ist Konsens unter den schiitischen und sunnitischen Rechtsschulen und diese Bestimmung zielt unter anderem darauf ab, die Familie und Frau zu schützen, die an sich eher an stabilen Beziehungen interessiert ist als der Mann.

Allerdings gibt es im schiitischen Islam die Institution der Zeitehe, die in der islamischen Fachterminologie sogar Genussehe heißt, und unter jungen Menschen beliebt ist.

Die Rechtsfigur der Zeitehe hat Ähnlichkeiten zu anderen Eheformen in verschiedenen Ländern, zum Beispiel zu den „Komm- und Probenächten“ im deutschsprachigen Raum oder zum „handfasting“ in Schottland vor der Reformation und weitere Formen gab es im alten Japan usw.. Darüber hinaus hat sie Parallelen zu anderen vorgeschlagenen Eheformen von Denkern wie dem britischen Moralphilosophen Bertrand Russel, dem US-amerikanischen Sozialreformer Ben Lindsey, der nordamerikanischen Ethnologin Margaret Mead oder der Autorin Charlotte Buchow Homeyer. Dort laufen sie unter anderen Begriffen wie „Freundschaftsehe“, „Probeehe“, „individuelle Ehe“ oder „Versuchsehe“. Eine Gemeinsamkeit haben sie dennoch alle: eine vorher festgelegte zeitliche Begrenzung der Beziehung und die Auferlegung von Rechten und Pflichten. In diesem Kontext ist die persische Bezeichnung für außereheliche Beziehungen aufschlussreich: Sie lautet „rechtlose Beziehung“.

So kann man sagen, dass die Zeitehe der Versuch ist, die anfängliche Liebe oder Beziehung in einen geordneten Rahmen, worauf beide Partner sich einigen, zu bringen. Anders als in den fast sexuell-schrankenlose Gesellschaften, in denen man außerhalb der Ehe zusammenkommen darf, wo von Anfang an keine Klarheit und Gewissheit über die jeweilige Stellung zueinander, über die Absicht des Gegenübers und über die Dauer der Beziehung herrscht, soll die Zeitehe sozusagen Fakten schaffen, damit von Anfang an keine falschen Erwartungen entstehen und böse Überraschungen verhindert werden.

Die Ehe lässt sich nach dieser Anschauung nicht von der lebenslänglichen Dauer her definieren, denn sonst wäre die Scheidung unbedingt verboten, was im Islam nicht der Fall ist. Stattdessen begründet sich die Ehe aufgrund von Rechten und Pflichten der Ehepartner zueinander und diese kann man bei der Zeitehe – im Vergleich zu der konventionalen Dauerehe – flexibler gestalten. Folglich ist in der Zeitehe es möglich, den Sinn und Zweck der Ehe vertraglich festzuhalten. Ebenso sind die Reglements über den Unterhalt, die Erbschaft und sogar über sexuelle Handlungen individuell bestimmbar.

Es ist daher nicht selten der Fall, dass junge Menschen, die im Prinzip einander heiraten wollen, aber aus finanziellen oder anderen Gründen noch nicht diesen Schritt wagen, eine „Zeitehe minus Geschlechtsverkehr“ abschließen – das heißt, alle anderen sexuellen Handlungen sind in der Zeitehe erlaubt, bis auf den letzten Schritt, der quasi von den Ehepaaren bis zur Hochzeitsnacht der Dauerehe aufgespart wird. Die Vertragsfreiheit der Zeitehe ermöglicht eine äußerst flexible Handhabung, von einer Art Verlobung ohne jeglichen Austausch von Erotik bis zu einer Genussehe, in der der Austausch von Sexualität klar und eindeutig im Vordergrund steht.

Simon Jacob: Ist die Zeitehe kulturell und gesellschaftlich geächtet?

Shayan Arkian: Die Zeit- oder Genussehe ist bedauerlicherweise in vielen Kreisen verpönt bis geächtet, obwohl der Klerus sie seit jeher unter anderem als Beweis für die Anpassungsfähigkeit und Universalität des Islams propagiert und sogar von schiitisch-islamischen Großgelehrten als ein religiös empfohlener Akt eingestuft wird! Hier ist also der Klerus – wie nicht so selten – fortschrittlicher als die einfachen Gläubigen und steht den jungen Menschen näher als ihre Eltern. Gerade unter den jungen schiitischen Muslimen im Westen, die mit der alltäglichen geballten Sexualität in der Öffentlichkeit konfrontiert werden, erfreut sich die Zeitehe als Abhilfe zunehmender Popularität. Es ist zu hoffen, dass wenn diese Generation das mittlere Alter erreicht, dies zu einem neuen Umgang mit der Zeitehe in der Community führt.

Simon Jacob: Im Westen wird die Zeitehe oft als Instrument zur Ausbeutung der Frauen oder gar als verschleierte Prostitution bezeichnet.

Shayan Arkian: Dieser Vorwurf ist für mich nicht einleuchtend und widerspricht all dem, wofür der Westen besonders steht, nämlich unter anderem für das Recht auf die sexuelle Lust der Frau. Ich bin mir ziemlich sicher, dass, wenn es die Zeitehe im Buddhismus oder gar Hinduismus geben würde, sie im Westen als eine fortschrittliche Errungenschaft hoch gefeiert worden wäre. Ergo ist dieser schwarzmalerische Blick auf die Zeitehe wohl eher dem machtpolitischen Kampf gegen den schiitischen Iran geschuldet als einer unvoreingenommenen Analyse.

Jedenfalls halten die Befürworter der Zeitehe die Anschuldigung, dass die Zeitehe als Instrument zur Ausbeutung der Frauen dient, für verfehlt, zumal die Zeitehe die Intention des Mannes offenbart – zwangsläufig mit der Bekanntgabe der Dauer der Zeit – und den Frauen, anders als in einer außerehelichen Beziehung, Rechte gibt. Dem Vorwurf der Prostitution wiederum wird damit begegnet, dass die Frau eine Zeitehe – und selbst eine Dauerehe – mit einem neuen oder anderen Partner erst nach mindestens zwei Regelblutungen bzw. nach mindestens 45 Tagen eingehen kann. Zudem gilt ein gezeugtes Kind innerhalb der Zeit- oder Genussehe in jedem Fall als eheliches Kind und der Vater ist per se zum Unterhalt verpflichtet, das heißt, wenn keine andere Vereinbarung im Ehevertrag geschlossen wurde, was in dieser Frage in aller Regel der Fall ist.

Simon Jacob: Homosexualität ist Bestandteil aller Gesellschaften. Wie handhabt man das allgemein im schiitischen Islam?

Shayan Arkian: Auch hier gibt es eine Besonderheit im schiitischen Islam. Zwar ist Homosexualität wie bei den meisten abrahamitischen Religionsgruppen verboten, aber interessanterweise war es gerade der Revolutionsführer der Islamischen Revolution in Iran, Ayatollah Ruhollah Khomeini, der erstmals eine Fatwa herausgab, wonach es Muslimen gestattet ist, ihr Geschlecht zu ändern. Während der Schahzeit drohte den Transvestiten in Iran noch die Todesstrafe. Heute ist aber der Iran das Land nach Thailand, in der die meisten Geschlechtsumwandlungen vollzogen werden, auch weil der Staat operative Eingriffe subventioniert.

Der Gedanke dahinter ist eine theologische Spitzfindigkeit, die wir auch vom Judentum kennen. Sie besagt, dass Gottes Religion vollkommen ist und auf diese Weise hat er alles Schlechte in seiner Religion verboten und alles andere, was in seiner Religion nicht für verboten erklärt wurde oder einfach unerwähnt ist, kann folglich nicht schlecht sein und ist daher erlaubt – andernfalls wäre seine Religion lückenhaft und dementsprechend nicht vollkommen. Nach diesem Konzept ist einerseits Homosexualität verboten, da diese in den für authentisch betrachteten islamischen Schriftquellen so erklärt wird, andererseits aber nicht die Geschlechtsumwandlung, da diese nach Auffassung der religiös-politischen Staatsoberhäupter in Iran nirgends im edlen Qur’an und in den Überlieferungen der Familie des Propheten sanktioniert bzw. erwähnt wird. Demnach sind Geschlechtsumwandlungen nicht nur erlaubt, sondern sie sind sogar zu subventionieren, um die verbotene Tat des Austauschs von Erotik unter gleichen Geschlechtern möglichst zu vermeiden.

Simon Jacob: Werden im schiitischen Iran Homosexuelle wegen ihrer sexuellen Neigung erhängt?

Shayan Arkian: Wenn Homosexuelle sich nicht für die Geschlechtsumwandlung entscheiden, sondern mit dem gleichen Geschlecht sich erotisch betätigen, dann kann dies unter Umständen zu einer strafrechtlichen Verfolgung führen.

Das heißt, die sexuelle Gesinnung alleine reicht nicht aus, die Tat muss ausgeführt werden und die Beweislast ist sehr hoch und komplex. So droht männlichen Homosexuellen die Todesstrafe, wenn ihre Penetration eindeutig von mindestens vier Zeugen, die zudem mehrere Voraussetzungen erfüllen müssen, mit eigenen Augen unmittelbar beobachtet wurde – und dies droht dem aktiven Part einzig und allein, wenn er unter anderem verheiratet ist. Bezeugen es zum Beispiel nur drei oder weniger, so werden diese wegen Verleumdung drakonisch bestraft und jegliche Ermittlungen gegen die Beschuldigten sind verboten!

In diesem Sinne beabsichtigt die Gesetzgebung, dass, wenn schon solch eine Tat stattfindet, sie diskret geschehen soll, um nicht die nötigen vier Zeugen zu haben. Und wenn sie doch einmal beispielsweise von drei oder weniger Personen bezeugt werden kann, dann werden diese sie wegen der drohenden schweren Strafe der Verleumdung nicht kundtun. Im Klartext soll die ausgelebte Homosexualität geheim bleiben, entweder weil sie in einer ausreichenden Diskretion stattfindet oder beispielsweise die drei oder weniger Zeugen nicht davon erzählen. Ziel des Ganzen ist, dass diese Sünde nicht durch erzählerische Verbreitung in der Gesellschaft salonfähig wird und damit an gesellschaftliche Abscheu verliert.

Simon Jacob: In den Medien kursiert aber immer wieder die Zahl von 4.000 hingerichteten Homosexuellen in Iran seit der Revolution von 1979.

Shayan Arkian: Ja und einige erwähnen sogar die Zahl von 6.000. Das sind Zahlen, die wohl irgendwann von parteiischen Exil-Oppositionellen in die Welt gesetzt wurden und seitdem von unachtsamen Journalisten immer wieder ungeprüft abgeschrieben werden. Im Falle der Islamischen Republik Iran klappt das auch wunderbar, da sie keine gesellschaftliche Basis im Westen hat und damit auch keine nennenswerten Interessensgruppen in der hiesigen Politik, Medien und Kultur, woraus ein deutlich wahrnehmbarer Widerspruch entstehen würde, um solche blödsinnige Behauptungen unverzüglich und breitflächig als Räuberpistolen zu entlarven. Dies ist mitunter der zentrale und strukturelle Grund, warum der Iran-Diskurs in der westlichen Hemisphäre seit der Revolution von 1979 – mit wenigen Ausnahmen – ausgesprochen eintönig und defizitär ist.

Aber zurück zum Thema: Sowohl Amnestie International als auch Human Rights Watch dementieren diese Zahlen. Es gibt eine Einhelligkeit darüber, dass die meisten Hinrichtungen in Iran aufgrund der Drogenkriminalität, die im Wesentlichen aus Afghanistan importiert wird, vollzogen werden (84 % der weltweiten Beschlagnahmungen von Opium findet nach UN-Angaben im Iran statt). Falls die oben genannten Zahlen stimmen sollten, dann wären in den letzten 37 Jahren in Iran aber mehr Homosexuelle hingerichtet worden als Drogenkriminelle. Dies ist jedoch absurd, zumal Homosexuelle den Ausweg der Geschlechtsumwandlung mit staatlicher Finanzierung haben, die Beweishürde für strafrechtliche Sanktionen auf homosexuelle Taten sehr hoch und komplex ist und lesbische Taten ohnehin nicht mit der Todesstrafe belangt werden. So beziffert selbst die exil-iranische Menschrechtsgruppe „Iran Human Rights“ die Zahl der verhängten Todesstrafen in Iran, die im Zusammenhang mit der islamischen Sexualmoral stehen, mit nur einem Prozent.

Simon Jacob: Nach Orlando haben wir eine teils aufgeheizte Stimmung erlebt. Was wünschen Sie sich in so einer Situation?

Shayan Arkian: Auf jeden Fall wünsche ich mir, mehr zu differenzieren, namentlich zwischen den verschiedenen islamischen Schulen und Richtungen. Auch innerhalb des Sunnitentums gibt es Unterschiede. Insbesondere seit dem 20. Jahrhundert gibt es vermehrt progressive sunnitische Gelehrte und Gläubige, die zumindest in bestimmten gesellschaftlichen Situationen die Praktizierung der Zeitehe für möglich halten – auch wenn diese sich in dieser für ihre Community heikle Frage noch wenig aus der Deckung trauen. Zudem ist anzuführen, dass erst kürzlich der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan öffentlichkeitswirksam eine transsexuelle türkische Sängerin zum Fastenbrechen im Monat Ramadan einlud und neben ihr speiste, Schulter an Schulter, gemeinsam am gleichen Tisch.

 

Simon Jacob, Berlin, 20. Juni 2016

Bild: Lageso in Berlin