Erschienen: Cicero – August Ausgabe/2016

Für den Cicero einen Artikel zu verfassen, und dies gleich bezugnehmend auf Koryphäen und absolute Experten in ihrem Fach wie Professor Bassam Tibi und Aktham Suliman, fasse ich als besondere Ehre auf.

Die Freude wäre noch größer, der Moment noch schöner, wenn das Thema nicht so brisant und von immenser Bedeutung für einen dauerhaften Frieden in der Gesellschaft, im Morgen – und Abendland, wäre.

Lieber Aktham Suliman, wir kennen uns noch nicht persönlich. Doch möchte ich die Gelegenheit nutzen, Deinen hervorragenden Artikel im letzten „Cicero“ zu ergänzen, besonders die Definition des Menschen in Bezug auf seine Herkunft und Religion.
Geboren im Tur Abdin-Gebirge in der Südosttürkei, in der Stadt Nussaybin an der türkisch-syrischen Grenze, flohen meine Eltern 1980 nach Deutschland. Da war ich zwei Jahre alt. Ich gehöre der Minderheit der dort verwurzelten Christen an, Suryoye oder auch Assyrer/Aramäer/Chaldäer genannt. Ich wuchs in Deutschland auf und wurde in Europa sozialisiert. Gerne folge ich Deinem und Bassam Tibis Beispiel und nenne mich „türkischer Christ“. Nun, ich hoffe, Du verzeihst die Ironie meiner Worte.

Ich sehe mich als altorientalischer Christ, der eng mit der Tradition verwurzelt ist, aber die Demokratie mit all ihren Vorzügen als den gemeinsamen Nenner der Gesellschaft betrachtet. Darum möchte ich Bassam Tibi ermuntern, nicht aufzugeben. Sein „Euro-Islam“ hat durchaus Einzug in die Gesellschaft gefunden. Anders, als er es vielleicht erwartet hat. Aber besonders stark durch eine junge Generation, die zu ihrer eigenen Form der Religiosität findet. Alle neueren Entwicklungen unter Muslimen einer bestimmten Form des Islams zuordnen zu wollen, wird aber nicht funktionieren. Religion lässt sich nicht in eine Schablone pressen – erst recht nicht ein durch patriarchalische Strukturen geprägter Islam. Weil es den „einen“ Islam nicht gibt, stellt sich die Frage, welche Art von Islam nicht integrierbar ist.

Ich dürfte um die 18 Jahre alt gewesen sein, als ich mit Hakan, einem türkisch–alevitischen Schulfreund, nach Lederjacken einer bekannten Modekette suchte. Wir wurden fündig. Hakan rief daraufhin seinen Vater an und fragte nach, ob er eine Lederjacke kaufen dürfe, die aus Schweineleder gefertigt sei. Ich schmunzelte. Hakan erklärte mir, dass dieser Aspekt für ihn persönlich wichtig sei, er aber damit keinen Einfluss auf andere nehmen wolle. Yildirim wiederum, ein kurdisch–sunnitischer Freund, der ebenfalls oft mit mir und Hakan die Straßen unserer Heimatstadt entlanglief und noch grimmiger schaute, als Hakan und ich es jemals zusammen hätten tun können, dieser Yildirim trank und rauchte. Als Sunnit fragte er nicht nach den Lehren seiner Religion. Er lebte seine Spiritualität rein privat aus; seine Mutter trägt wahrscheinlich noch heute ein Kopftuch. Allerdings gab es bald darauf Entwicklungen, die uns alle vor Augen hielten, dass wir einem ähnlichen Kulturkreis entsprungen sind, der durch das Patriarchat und dessen Regeln geprägt ist.

Viele Jahre später, nach den Anschlägen von 2001 und dem ach so hoffnungsvollen arabischen Frühling, traten Menschen wie Dawood in mein Leben. Gemäß Eurer Artikel, lieber Aktham Suliman, lieber Bassam Tibi, müsste ich ihn einen iranischen Schiiten nennen. Aufgrund seiner Einstellungen könnte Dawood, sollte er in Bayern leben, vermutlich ohne Schwierigkeiten als konservativer Katholik gelten. Er folgt seiner Religion, dem Islam, und macht sich darüber hinaus herzlich wenig Gedanken über die anderen Menschen und über deren Glauben. Religiosität scheint auch bei ihm Privatsache zu sein. Und dann war da noch Fatemeh, eine Diplomatentochter, die ich in Teheran traf. Sie hatte mehrere Jahre in Deutschland verbracht und spricht ein exzellentes Deutsch.
Fatemeh trägt eine Kopfbedeckung, manchmal in Schwarz, manchmal in Rot. Sie darf mir nicht die Hand geben und hält sich an die religiösen Gebote. Trotzdem baute sich zwischen der Doktorandin und mir eine Vertrauensbasis auf, die von Neugierde geprägt war und ist. Der gegenseitige Wissensaustausch und der daraus resultierende Eindruck bestätigten mir, dass diese junge Dame ohne weiteres Teil der deutschen Gesellschaft sein könnte.
Fatemeh, Hakan, Yildirim und Dawood sind gute Beispiele dafür, dass Bassam Tibis Grundidee eines „Euro-Islams“ bereits in weiten Teilen der muslimischen Gemeinschaft Einzug gehalten hat. Entsprechend gehören diese Menschen mit ihrem Islam definitiv zu Deutschland. Aufgeben würde ich allerdings an Bassam Tibis Stelle ebenfalls etwas. Nämlich den Begriff „Euro-Islam“. Gerade Sie, lieber Bassam Tibi, haben mich der Erkenntnis näher gebracht, dass es nicht der „Islam“ ist, um den es in der aktuellen Debatte geht. Sondern um den politischen Islam und um eine bestimmte patriarchalische Kultur und Struktur, mit all ihren positiven wie negativen Eigenschaften.

Es sind jene Attribute, mit denen Islamisten heute dazu aufrufen, um im Namen des Islam und auch begründet durch diesen, alles Westliche zu vernichten. Und auch dieser Begriff – Der Westen – ist schwammig definiert. Islamisten führen, wie es ebenfalls durch Bassam Tibis Werke gut belegt ist, einen Krieg gegen die Frau. Genauer gesagt: gegen die Frau und für jene drei Funktionen, die allein der Frau zugeordnet werden, die Mutter, die Tochter und die Ehefrau. Die so verstandene Frau hat im Sinne des Patriachats und der Clanstruktur, wie sie intensiv im Nahen Osten ausgelebt wird und wie sie durch die Flüchtlingswelle nun zu uns gelangt, die Ehre der Gesellschaft, des Clans, der Familie zu bewahren. Die Clanstruktur ist gemäß dem Prinzip von „Haram/Unrein“ und „Hallal /Rein“ eng gebunden an das sexuelle Verhalten des weiblichen Teils der Gesellschaft. Die Frau wird reduziert auf ein Ding, eine Sache, ein materielles Gut oder im schlimmsten Fall auf eine Kriegsbeute, wie es der „Islamische Staat“ zu tun pflegt.

Anfangs erwähnte ich die Gemeinsamkeiten nahöstlicher Kulturen, unabhängig von ihrer Religion. Wenn es um die Integration junger Muslime geht, schaffen wir es heute immer noch nicht, den eigentlichen, den wahren Kern des Themas anzugehen, das Patriarchat. Es ist verführerisch einfach, nur die Religion als Begründung heranzuziehen. Dem Familienoberhaupt, dem Ehemann, dem Bruder, fällt es schwer, über die Tatsache zu sprechen, dass die patriarchalische Tradition der Kern aller Integrationsprobleme ist. Christlichen Gemeinschaften aus dem Nahen Osten geht es beim Umgang mit der Frau oft kaum anders. Sie haben allerdings einen entscheidenden Vorteil. Die christliche Brücke zum Abendland erleichtert es ungemein, sich an westliche Normen anzupassen, losgelöst von der Ohnmacht der islamischen Welt gegenüber einem technisch haushoch überlegenen Okzident.
Meine Erfahrungen speisen sich aus vielen journalistischen und diplomatischen Reisen der letzten Jahre, die mich immer wieder in die Kriegsregionen des Nahen Ostens führten. Dabei durfte ich hautnah erleben, welchen Vorteil es hat, wenn man einem Clan angehört – besonders, wenn es um das eigene Überleben geht. Als westlicher Journalist wäre ich nicht einmal in die Nähe der Orte gekommen, die ich, auch unter Einsatz des eigenen Lebens, besuchen konnte. Ich hätte nie die vielen Menschen treffen können, Muslime und Christen, Frauen und Männer, Junge und Alte, Politiker und Kleriker, die mich tief beeindruckten oder teils, wie es bei Dschihadisten der Fall war, anwiderten.

Die Extremisten mit dem „Islamischen Staat“ an der Spitze leben in überzogenem Maße das aus, wogegen die nahöstliche Gesellschaft nun vorgehen möchte, die Verachtung der Frau. Während der „IS“ die Kämpfer am Boden eher als Kanonenfutter betrachtet, hat die Führung die Gesellschaft dekodiert. Um Kontrolle über die Gesellschaft zu erlangen, haben sie sich zuerst des weiblichen Teils dieser bemächtigt. „Seht her“, lautet die Aussage der Extremisten an die Männer, „wir können Euch jederzeit demütigen. Eure Ehre wird dadurch beschmutzt und ihr seid nichts wert“. Im Fall der Jesiden war es noch gravierender. Frauen wurden systematisch vergewaltigt, versklavt und in vielen Fällen nach dem sexuellen Akt bestialisch ermordet. Auch dies war eine Machtdemonstration.
Der kulturelle Code des Nahen Ostens ist an die Sexualität der Frau gekoppelt. In islamischer Perspektive kann die Abwertung der Angehörigen anderer Religionen hinzutreten, die bestenfalls Dhimis sind (Christen/Juden) oder Kuffars (Ungläubige). Dasselbe System entwickelt Abneigungen gegenüber Homosexuellen, vom Glauben Abgefallene oder Atheisten. Die patriarchale Denkweise wird durch Clanstrukturen verfestigt und durch eine bestimmte Strömung des Islams untermauert. All das kumuliert im „Islamischen Staat“. Dieselbe Sicht wird durch die Wahabiten in Saudi Arabien verbreitet, zu denen der Westen beste Geschäftsverbindungen pflegt. Dieser „Islam“ oder besser gesagt diese „Lebenskultur“, steht in ihrer Gänze im Konflikt mit dem Westen und der Sexualität der Frau. Da kann keine Integration gelingen.

Folglich, lieber Bassam Tibi, lieber Aktham Suliman, muss die Revolution tatsächlich aus der nahöstlichen Gesellschaft selbst kommen, und sie muss mit der Befreiung der Frau beginnen. Erst dann werden wir auch eine ehrliche und offene Debatte im Westen führen können: weg vom Islam als Religion, hin zur nahöstlichen Kultur und dem damit verbundenen Patriarchat. Die salafistisch–wahabitisch geprägte Interpretation des Islams erhält die Clan-Struktur ebenso am Leben wie die Unterdrückung der Frau, mit all ihren verheerenden Folgen.

Zivilisation, wie sie heute im Westen definiert wird, ist im Wesentlichen geprägt durch die Französische Revolution, die das Joch des Patriarchats abwarf. So wurden wesentliche gesellschaftlicher Potentiale freigesetzt. Resultat ist das freie Europa, wie wir es heute kennen: mit allen technologischen Fortschritten, für die uns die nahöstlichen Gesellschaften, unfähig, selber dem technologischen Fortschritt zu folgen, beneiden.

Ja, sogar bekriegen.

Simon Jacob