Land: Irak
Ort: Nordirak/Bartella – Nördlich von Mosul
Datum: 23.11.2016

Der zerbrochene Glaube

Es ist meine letzte Reise dieser Art. Das Ende einer langen Odyssee. Vor Jahren war ich in dieser Region. Der Wiege der Zivilisation. Dem Ursprung eines Glaubens, welcher die Welt veränderte. Von hier entstammt die Lehre des Heilbringers, den Christen weltweit als den Leib gewordenen Sohn Gottes betrachten. Gründer einer neuen Religion, der über 32 % der Weltbevölkerung angehören.

Hier in der Ninive Ebene, in einem fruchtbaren Tal des nördlichen Iraks zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris eingebettet, besuchte ich einst ein Kloster. Ungehalten betrat ich an jenem Tag vor sechs Jahren, voller Wut und Zorn, die heiligen Hallen dieses altehrwürdigen Klosters, welches nunmehr seit 1600 Jahren allen Gefahren trotzt.
Mar Mattai, 30 Kilometer nördlich von Mosul gelegen, ist das Gegenteil von dem, was Krieg, Gewalt und Hass ausmachen.
Im Namen einer anderen Religion verbreiten extremistische Gruppierungen, die sich allesamt auf den Islam berufen, Angst und Schrecken unter der Bevölkerung. Im Besonderen sind es Christen die davon betroffen sind, aber auch Jesiden und Muslime, die nicht die Sichtweisen der Verblendeten teilen.
Mit dem Wissen über all die Gräuel, die diese entmenschlichten Wesen anrichteten, betrat ich nun damals die Gemäuer dieses für mich gesegneten Ortes. In jener Zeit trug ich auch Hass in mir. Wut umgab mich. Zorn vergiftete meine Gedanken. Die furchtbaren Ereignisse zuvor ließen mir keine Ruhe und mein Innerstes, aber auch der Glaube an einen liebenden und barmherzigen Gott, drohten in einem tiefen, schwarzen Strudel voller schmerzhafter Erinnerungen unterzugehen.
Die Verfolgung und Vertreibung derer, die sich zum Gekreuzigten bekennen, zieht sich wie ein roter Faden durch die geschichtlichen Ereignisse in dieser Gegend.
Die Wellen des Todes, sie kamen immer wieder, gleich einer brachialen und tobenden Flut, mal mehr, mal weniger gewaltig, über die Christen. Und gerade die letzten 100 Jahre, die auch meine Vorfahren hart trafen, waren besonders schlimm. Sie reduzierten die Gläubigen dieser geschichtsträchtigen Region auf einige Kerngemeinden, die nun vor ihrem letzten Überlebenskampf stehen.

Von vielen im Stich gelassen, im Besonderen vom fehlenden Bekenntnis der Kirchen im Westen und einer teils nicht verständlichen Verleugnung der eigenen Identität, deren Ursprung dieses vielfältige Christentum ist, wurden sie nicht nur von den Schergen des Islamischen Staates vollends aufgerieben, sondern verkommen nun ganz zum Spielball regionaler Mächte.

So betrat ich nun an jenem Tag dieses Kloster des Friedens und brachte all das mit, was ich an denen verachtete, die nach dem Leben der Christen trachteten.

Hass ist das Gegenteil von Liebe.

Der Hass legte sich, als ich einen Geistlichen traf, der mir zeigte, dass Frieden Glauben voraussetzt.
Frieden wiederum das Resultat des Dialoges und des Respektes gegenüber allen Menschen ist. Und dass Frieden niemals durch eine Waffe herbeigeführt werden kann.
Mehr denn je wurde mir klar, dass die Gabe, welche mir die Schöpfung schenkte, die Fähigkeit ist, meine Emotionen und Erfahrungen allen Menschen durch die Schrift zukommen zu lassen.

Nicht durch die Waffe in meiner Hand würde ich Frieden in meinem Herzen schaffen, sondern durch das Wort, welches ich fähig bin zu verkünden.

Nun, sechs Jahre später, bin ich überzeugt davon, dass dies der richtige Weg war. Ich bin am Leben und verfasse weiterhin meine Schriften. Und das werde ich tun, solange ich die Kraft dazu habe.
Doch kehrt jetzt, nach den schlimmsten Erfahrungen in den letzten zwei Jahren meines Lebens, Frieden in mein Herz ein.
Ich besuchte bei meiner jetzigen Reise eine vom Islamischen Staat befreite christliche Stadt. Nicht weit von Mosul entfernt gelegen.
Die Zerstörungswut, die dort entfesselt wurde, im großen Maße auch von den eigenen arabischen Nachbarn begangen, ist unbeschreiblich und an Grausamkeit kaum zu übertreffen.
Güter des Lebens wurden entwendet, Häuser verwüstet, ganze Identitäten ausgelöscht.

Doch wurden all diese barbarischen Handlungen von der Tatsache übertroffen, dass, getrieben von einem blinden Hass auf alles Christliche, selbst die Toten in ihrer Ruhe gestört wurden. Auf dem Friedhof neben der Kirche nahm das Grauen Ausmaße an, die die Vorstellungen der meisten Menschen im Westen übersteigen würden.
Gräber wurden geschändet, die Überreste der Verstorbenen aus ihren Särgen geholt und über das Areal verteilt.
Symbole des Glaubens, Kreuze, Grabsteine, ja selbst die kleinen Bilder in den Grabsteinen wurden demonstrativ der Zerstörung preisgegeben. Der Hass und der Wille alles zu vernichten, darauf abzielend die Identität dieser Menschen auszulöschen, hat Ausmaße angenommen, die rational nicht mehr erklärt werden können. Als ob alles Christliche ein Licht in einem dunkeln Raum wäre, welches die tiefe Schwärze im Herzen dieser Barbaren stört. Noch mehr hatte ich das Gefühl, dass man nicht der gesamten Christenheit, sondern gleich der gesamte Menschheit damit eine Botschaft übermitteln wollte.
„Seht her, wir vernichten alles was ihr ward, was immer ihr seid – ihr werdet es nicht mehr sein“, lautet die Botschaft.
Blind vor Wut sind diese bemitleidenswerten Wesen dazu verdammt zu glauben, dass materielle Gegenstände Menschlichkeit, Identität, Religion ausmachen. Dabei erkennen sie nicht, dass jeder Christ, der auch wirklich der Heilslehre des Erlösers nachgeht, seinen Glauben und die damit verbundene Identität im Herzen trägt. Gepaart mit der Menschlichkeit, die einhergehend mit Moral in Erscheinung tritt. Gegenüber jedem Menschen. Egal ob nun Christ, Muslim oder Atheist.

Diese Verlorenen sind nur noch damit beschäftigt zwischen Schwarz und Weiß zu unterscheiden, zwischen ihrem Islam und den Ungläubigen. Sehr wohl wissend, dass sie durch ihre rückwärtsgewandte Sichtweise ihres Glaubens Millionen und Abermillionen Muslime zu Opfern machen und diese dazu bringen, Lösungen für das Gewaltpotential in ihrer Religion zu suchen. Und darauf wird es in Zukunft ankommen. Die Grausamkeiten die der Islamistische Staat an den Tag legt, inzwischen von anderen Gruppierungen nachgeahmt, sind in den Schriften des Heiligen Korans, den Hadithen und der Sunna zu finden. Das ist eine Tatsache, eine Realität, eine Gegebenheit die nicht von der Hand zu weisen ist. Die Wahrheit und das sich eingestehen, dass die Realität die Realität ist, versetzt uns, inklusive der muslimischen Gemeinschaft weltweit, der Umma, in die Lage, die Frage zu stellen, wie der Umgang mit Andersdenkenden zu handhaben ist.

Letztendlich ist dies die Kernfrage, um die sich alles dreht. Sie ist der Quell des Hasses und der Wut, die nicht nur von den Schergen des IS ausging, sondern auch die eigenen arabischen Nachbarn, indoktriniert in Moscheen, dazu brachte, sich der Güter der „Ungläubigen“ zu bedienen. Ja sie sogar zu massakrieren und zu vertreiben. In diesem Zusammenhang ist das, was der IS oder andere Extremisten anrichten, eigentlich belanglos, solange man nicht den Willen hat, genau diesen Punkt anzugehen.

Was ist ein Christ, ein Jude, ein Jeside, ein Atheist oder ein Homosexueller im Islam wert?
Darf ein Muslim seine Religion verlassen, ohne dafür um das eigene Leben fürchten zu müssen?
Darf eine Frau, gleich eines Mannes, sich sexuell ausleben ohne dafür ausgeschlossen oder im schlimmsten Fall gesteinigt zu werden?

Das sind die elementaren Fragen, gepaart mit einer patriarchalisch geprägten Clanstruktur der Machthabe im Nahen Osten, um die es in Wirklichkeit geht.
Und leider, zum Bedauern vieler muslimischer Strömungen die gerne einen Wandeln haben möchten, aber nicht die Finanzstärke des IS an den Tag legen können, sind es gerade westliche Institutionen, im Besonderen die zwei großen Kirchen, welche die Wahrheit von sich weisen.
Und damit die Vernichtung der Christen, der Liberalen, der Freigeister, der Andersdenkenden nicht nur befeuern, sondern auch in Kauf nehmen.

Schande, Schande und nochmals Schande über Euch.
Ihr, die ihr inzwischen unfähig seid, betrunken durch die technologischen und materiellen Errungenschaften des Westens, zu Euren eigenen Idealen zu stehen.

Den Preis zahlen nun die, die eure früheren Werte immer noch im Herzen tragen. Mit Leidenschaft und der Hoffnung im Herzen, dass das was uns ausmacht, nicht nur in ein Stück Stein gemeißelt ist.
Sondern ein Akt der Spiritualität ist, welcher selbst in der tiefsten Dunkelheit noch einen Bezug zur Schöpfung aufbauen kann.

Wenn alle Ungläubigen, Abweichler und Reformer als „Schweine“ und „Affen“ bezeichnet werden, dann gilt das im Stillen auch für die westliche Welt. Unabhängig davon wie viele einträchtige Rüstungsgeschäfte wir mit einem wahabitisch geprägten Staat machen.
Zurück in meinem Mikrokosmus der Ereignisse manifestiert sich diese Tatsache genau an dem Ort, an dem ich war. Mit alle der Zerstörung, welche politisch motivierte und religiös untermalte Ideologie an den Tag legen kann.

Dieser wichtigen Erkenntnis bewusst, müde und voller Traurigkeit, erblickte ich neben einer geschändeten Grabkammer ein teilweise zerbrochenes Kreuz. Ich reinigte dieses vom Staub, blickte es an und erkannte darin das, was auch wir sind. Eine gespaltene Gesellschaft. Egal an was wir glauben mögen. Denn so wie dieses Kreuz zerbrochen wurde, so möchten Extremisten auch die Gesellschaft spalten. Uns im Glauben lassen, dass es nur Muslime und Nichtmuslime gibt. Mündend in einer Konfrontation und einem erhofften apokalyptischen Krieg, welcher die Endzeit einläuten soll.

Mit diesen Gedanken und dem Gegenstand in meiner Hand ertappe ich mich dabei, wie ein Lächeln meine Gesichtszüge prägt. Trotz all des Leides und aller Schmerzen, die ein Mensch auszuhalten hat, ist die Lösung doch so einfach.
Gerade weil wir alle, egal ob nun Christen, Muslime oder Atheisten, vernunftbegabte Wesen sind, sofern wir uns dieses Geschenkes der Schöpfung bewusst sind.

Getrieben durch die Gewaltexzesse des IS steht die weltweite Umma vor der großen Herausforderung, einen Wandel herbeizuführen. Ansonsten wird sie nicht überleben und wegen der Gewalt, der im großen Maße Muslime zum Opfer fallen, in sich zusammenbrechen.

Und der Westen wird vor der großen Herausforderung stehen zu akzeptieren, dass der Glaube an Materialismus, mit seinen neoliberalen kapitalistischen Zügen und dem überhohen Maß an Konsum, mit ein Grund für die Ungleichheit in der Welt ist. Mit allen damit verbunden Konsequenzen für die Menschheit. Seien es nun Kriege oder Flüchtlingswellen.
Ewiger Konsum, der nicht funktionieren kann – wir haben nur eine Erde mit limitierten Ressourcen – kann und wird den spirituellen Aspekt des Bewusstseins, und damit einen nicht materiellen Bezug zur Schöpfung, niemals ersetzen können.

Die Menschheit muss dies begreifen, wenn sie nicht scheitern möchte. Die Anerkennung der Vielfalt der Schöpfung ebnet den Weg zum Dialog und schafft letztendlich den Frieden, den sich die meisten Menschen auf der Welt wünschen.

Das zerbrochene Kreuz als Symbol für Zerstörung, aber auch Hoffnung für einen Neuanfang, nehme ich mit nach Deutschland. Dort soll es an einem Ort aufbewahrt werden, welcher jedem zugänglich ist, der an die Menschheit glaubt.

Simon Jacob, Nordirak – Bartella, 19. November 2016