Die freien Maurer – Zu Gast bei der Großloge
(English Version will come soon)

Vor einigen Wochen hatte ich die einmalige Chance und das Vergnügen, stellvertretend für das Friedensprojekt „Project Peacemaker“, als Gastredner bei der Jahreshauptversammlung der Freimaurer-Großloge „American Canadian Grand Lodge“ referieren zu dürfen. Verbunden mit meinem Vortrag wurde mir ein einzigartiger Einblick in die rituelle und faszinierende Welt gewährt, die das Leben durch eine universelle Schöpfung geprägt sieht und eine hohe moralische Grundhaltung in den Regeln von Vernunft und Aufklärung, als das Grundprinzip menschlichen Zusammenlebens, sieht.

Vom Werkzeug zum Symbol

In früheren Zeiten wurden Winkel und Zirkel von den erfahrenen Baumeistern verwendet, um atemberaubende Bauwerke zu errichten. Heute werden diese Werkzeuge durch die Freimaurer lediglich symbolisch verwendet, um „an sich selbst“ zu arbeiten. Die Werkzeuge der Freigeister, wie ich sie betrachte, sind gleichbedeutend mit der Geometrie der Wissenschaft, der Künste, der Philosophie, allgemein verbunden mit der alles durchringenden DNS des Lebens. Bei Betrachtung der Symbolik der Freimaurer und der starken Konzentration auf ihre Rituale ist mir aufgefallen, dass die Auseinandersetzung des Menschen mit dem eigenen Wesen im Vordergrund steht. Winkel und Zirkel stehen für die Fähigkeit, gemäß „geometrischer“ Normen, den menschlichen Charakter zu “veredeln“, hin zu einer harmonischen Interaktion mit der Umgebung, gleich einem perfekten Gebäude, welches durch menschliches Schaffen in die Landschaft eingebettet wird.

Geheime Sekte oder Weltverschwörung?

Wichtig zu erwähnen ist, dass die Freimaurerei keine Religion oder Ersatzreligion ist und sein will.
Gerade dieser Aspekt scheint für Missmut und Missverständnisse zu sorgen. Leider auch aufgrund fehlenden Willens bei vielen Außenstehenden, sich faktenorientiert mit den realen Gegebenheiten zu beschäftigen.
Die Freimaurer sehen sich viel mehr als eine Plattform humanitär eingestellter Menschen, die sich unabhängig von Herkunft, Stand, Beruf, politischer Einstellung und Glaubensrichtung begegnen und austauschen können, ohne Angst haben zu müssen, als „Andersgläubige“ ausgegrenzt zu werden. Die Grundpfeiler der von mir besuchten Großloge ACGL – in Deutschland gibt es fünf verschiedene anerkannte Freimaurer-Großlogen – sind Bruderliebe, Wohltätigkeit und Wahrheitssuche. In diesem Zusammenhang soll erwähnt werden, dass viele hoch angesehene Demokraten, Wissenschaftler, Künstler und Schriftsteller Freimaurer waren und die genannten Werte zu ihrem Schaffen und Handeln beitrugen.

Erwähnenswert z.B. sind Giuseppe Garibaldi (1807 – 1882), Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832), Johann Gottfried von Herder (1744 – 1803), Hermann Hesse (1877 – 1962), Jesse Jackson (1941 – ), Abraham Lincoln (1809 – 1865), Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791), Theodore Roosevelt (1858 – 1919), Voltaire (1694 – 1778), George Washington (1732 – 1799), …Die Liste ließe sich beliebig weiterführen.

Der Humanismus, verbunden mit der immerwährenden Suche nach Wissen, ist der prägende Nenner aller Freimaurer.

Auf der Suche nach Wissen und Wahrheit

Wahrheit und Wissen sind die Grundsubstanz einer Zivilisation. Dabei verändert sich im Laufe der Zeit die Art und Weise wie wir Wissen veranschaulichen, Wissen konsumieren, Wissen speichern und Wissen auch dazu nutzen, um uns selber zu verbessern. Sowohl innerlich, als auch äußerlich. Wissen ist universell. Aber der Weg zu diesem und damit zur Erkenntnis, kann sehr unterschiedlich sein. Die Ausgangsbasis ist allerdings immer mit einem klaren und festen DNS- Strang verbunden – oder eben einer geometrischen Ausrichtung, die uns als Basis zur Weitervermittlung von Wissen dient. Auch begründet durch mythische Gottheiten wie wir sie zum Beispiel von den alten Völkern Mesopotamiens und der Antike kennen. Die sumerisch – akkadische Gottheit Oannes beispielsweise, ein hybrides Fisch – Mensch Wesen, welches Wissen vermittelte und dem mystischen Glauben nach die Menschen dazu bewogen hat, einen Tempel oder eine Kathedrale zu errichten, die wir auch Jahrhunderte später immer noch betrachten können. In diesen Bauwerken sind Erfahrungen gespeichert, auf die Brüder der Freimaurer aufbauen. Allerdings verwenden sie in der heutigen Zeit dafür nicht mehr Setzhammer, Senkblei, Zirkel oder Winkelwaage. Sie verwenden Vernunft und Hilfsbereitschaft, Einfallsreichtum und Kreativität, Philosophie und ganz besonders die Fähigkeit zum offenen Diskurs, um sich selber einer weiteren Entwicklung zu öffnen. Diese Einstellung schafft Raum für eine neue, fundamentale Sichtweise, die Platz für neue Gedanken bietet – Gedanken, die diskutiert, geprüft, verworfen oder umgeändert werden können oder müssen, wenn sie sich als fehlerhaft herausstellen. Wichtig ist dabei, dass dieser Platz in seiner Vielfalt als zentraler Punkt immer zur Verfügung steht. Und meines Erachtens nach ist es das, was die Freimaurer ausmacht; audiovisuell dargestellt durch mystisch anmutende Rituale, die faszinierend sind und Raum für Spekulationen lassen, aber ansonsten keinen Unterschied zu anderen gesellschaftlichen Zeremonien, wie sie beispielsweise politische, militärische oder monarchische Ehrungen, aufweisen.

Geheim oder nur Verschwiegen?

Dass der offene Diskurs im Vordergrund steht, konnte ich am eigenen Leib oder besser gesagt Geist erfahren. Mein Gastbeitrag über „Project Peacemaker“, welcher ebenfalls religiös – politisch vorgetragen wurde, untermalt mit einer für die Jugend ansprechenden, stark polarisierenden Darstellung, sorgte für sehr heftige und teils sehr kontroverse Debatten und Gespräche, denen ich mich mit Freude zwei Tage lang bei der Veranstaltung gestellt habe.

Mehr möchte ich auch nicht über die „freien Denker“ verraten. Gerade deswegen nicht, weil im Vorfeld meiner Teilnahme an der Veranstaltung doch viel Krudes an mich getragen wurde, was äußerst amüsant war. Die angebliche Opferung einer Jungfrau wurde ins Spiel gebracht. Ebenfalls satanische Umtriebe, die bei den Ritualen zur Geltung kämen. Obwohl ich als Außenstehender, oder „Prophaner“, wie die Brüder alle Nicht-Freimaurer nennen, am Großteil der Zeremonien teilnehmen durfte, wurden an diesem Wochenende weder Jungfrauen geopfert noch der Teufel angebetet.

Allein die Tatsache, dass Freimaurerlogen und auch deren Dachverbände (wie die von mir besuchte Großloge) eingetragene, zumeist gemeinnützige Vereine mit Adresse und Webpräsenz sind, sollte die Geheimbund-These widerlegen. So zumindest aus der Sichtweise des freien und objektiven Beobachters. Manche Behauptungen, die im Besonderen die Grenzen des guten Geschmacks überschreiten, kommen Verleumdungen sehr nahe. Gegenüber den mir begegneten Beteiligten ist das weder angemessen noch fair. Gerade im Hinblick auf die humanitären Projekte, die die Brüder der von mir besuchten Lodge angestoßen haben.

Nun, einer der Gründe für diese wilden Spekulationen liegt in der von den Freimaurern weitervererbten Neigung zur Verschwiegenheit aufgrund deren massiver Verfolgung in der Geschichte, wie zum Beispiel während der Nazidiktatur und dem Absolutismus des 18. Jahrhunderts. Freies Denken war und ist der Feind jeglicher absoluter Macht, welche nur einen eingeengten Denkdiskurs zulässt und damit die Entwicklung einer vernunftbegabten und friedlichen Zivilisation verhindert.
Und Frieden braucht diese Welt…

In diesem Zusammenhang möchte ich mit noch einmal bei der American Canadian Grand Loge für die Einladung und den intimen Einblick bedanken.

Es war mir Ehre und Freude zugleich.

Weiterführendes Material ist in der Einstiegslektüre „Freimaurer in 60 Minuten“ von Jonathan Byron zu finden, welche zum Beispiel bei Amazon für 8 € bestellt werden kann.
Auch die Portale www.freimaurer.org und www.acgl.eu sind sehr aufschlussreich.

Simon Jacob, München, 09. Juni 2017