Reutlinger Generalanzeiger vom 5.5.2017

Die nächste Generation von islamistischen Terroristen wird noch viel brutaler und skrupelloser als alle vorhergehenden, prophezeit der Kenner des Nahen und Mittleren Ostens und Terrorismusexperte Simon Jacob. Eine Nachfolgeorganisation der Terrormiliz Islamischer Staat schult im Irak bereits die nächste Generation von Terroristen.

Im Gespräch mit GEA-Redakteur Jürgen Rahmig warnt der Ex-Vorsitzende und heutige Friedensbotschafter des »Zentralrats Orientalischer Christen in Deutschland « vor diesen Killerkindern des IS.

GEA: Sie waren unterwegs in den betroffenen Regionen und in den vom IS zurückeroberten Ortschaften und haben schlimme Neuigkeiten mitgebracht.

Simon Jacob: Nördlich von Mossul leben oder lebten verschiedene Ethnien, wie zum Beispiel Jesiden, christliche Assyrer, einige wenige Turkmenen und die Schabak. Aufgrund der Expansion des IS haben diese Minderheiten die Region verlassen, sind geflohen. Ihre Städte und Dörfer sind zum Teil wieder zurückerobert worden. Innerhalb dieser Städte und kleinen Gemeinden wurden während der zweijährigen IS-Besatzung Schulen eingerichtet, wo Kinder indoktriniert wurden. Diesen Kindern wurde die Sichtweise des rückwärtsgewandten, ultraorthodoxen Islam beigebracht.

Sie wollen damit sagen, dass der IS bereits Kinder zu Terroristen ausbildet?

Jacob: Wir sind einigen solchen Kindern in Flüchtlingsheimen begegnet. Der IS hatte damit begonnen, Kinder zum Zwecke der Indoktrination und Terroristenausbildung zu verschleppen. Das heißt, wir rechnen damit, dass in sechs oder sieben Jahren eine Nachfolgeorganisation des IS auf der Bildfläche erscheint, an der jetzt bereits gearbeitet wird. Das werden dann junge kämpfende Männer sein, die sie als Kinder geraubt haben, und die auf eine perverse und perfide Art und Weise ausgebildet wurden. Von uns gefundene und erfasste Dokumente belegen, dass sie schon in jungen Jahren beispielsweise in Waffenkunde ausgebildet wurden, dass ihnen schon in jungen Jahren beigebracht wurde, dass viele Menschen nichts wert sind. Sie unterhielten in den besetzten Gemeinden Medressen (religiöse Schulen). Dort wurde den Kindern beigebracht, wie sie jemanden umbringen können, wo die Schwachstellen des menschlichen Körpers sind. Ihnen wurde beigebracht, sich einer bestimmten Ordnung zu fügen, das heißt, dass man beispielsweise einer Frau keine Hand gibt, dass eine Frau nicht viel wert ist, dass ein Christ nicht viel wert ist und ein Schabak oder ein Jeside noch weniger.

Da wird also still und leise die nächste Dschihadisten-Generation ausgebildet?

Jacob: Wir haben die große Sorge, dass mit diesen verschwundenen Kindern eine Nachfolgeorganisation aufgebaut wird, die dann wohl nicht nur im Nahen Osten versuchen wird, Einfluss zu nehmen und Anschläge zu verüben, sondern auch in Europa. Es ist damit zu rechnen, dass sie über dann vielleicht neue Flüchtlingsrouten als Schläfer eingeschleust werden, die später nach Bedarf abgerufen werden können. Wenn sie einen Menschen schon als Kind in dieser Weise indoktrinieren, dann sind diese praktisch wie programmiert und es ist schwer, sie später wieder zu ändern. Wir haben uns mit Pädagogen in Flüchtlingscamps unterhalten. Sie haben festgestellt, dass diese Kinder auf Gewalt getrimmt wurden, dass ihnen die Empathie fehlt, also die Fähigkeit zu Emppfindungen wie Trauer, Liebe, Schmerz oder Mitleid. Stattdessen wurde ihnen Hass und Gewalt eingepflanzt.

Der IS findet also eine wie auch immer geartete Fortsetzung?

Jacob: Das ist eine große Gefahr, weil wir momentan immer darüber sprechen, dass der IS irgendwann verschwindet. Das ist eine Fehleinschätzung. Der IS ist das Resultat vieler Wellen extremistischer Strömungen, die sich immer wieder auch in ihrer Brutalität steigern. Das heißt, die Grundideologie existiert nach wie vor, sie ist in den Köpfen der Menschen. Wir gehen davon aus, dass der IS aller Wahrscheinlichkeit nach zersplittern wird. Der IS wird vielleicht nicht mehr in der heutigen Form existieren, aber seine Ideologie schon. Diese Kinder werden diese Ideologie wahrscheinlich in einer wesentlich blutigeren Form wiederaufleben lassen. Solche Entwicklungen sind jedes Mal zu beobachten, wenn extremistische Strömungen an Kraft gewinnen. Al Kaida hatte 2007 damit begonnen, medienwirksamer zu agieren und es kam zum ersten Enthauptungsvideo. Der IS hat das übernommen, ausgebaut und professionalisiert. Damit haben die Dschihadisten quasi eine Fusion geschaffen zwischen Hollywood-Pop-Dschihad und einer perversen Brutalität.

In Bartella und anderen Ortschaften haben Sie etwas über die Strategie des IS erfahren können.

Jacob: Besonders extremistische Strömungen innerhalb des IS haben es sich zur Aufgabe gemacht, ihre Identität auszulöschen und mit allen Mitteln abzuschrecken. Ein Beispiel: In eroberten Ortschaften wurden nicht nur die Gräber geschändet, die Gebeine aus den Särgen herausgeholt und entweiht. Das habe ich beispielsweise in Bartella in der Ninive-Ebene gesehen. Die Hausbewohner, die Hals über Kopf geflohen sind, haben beispielsweise auch Fotoalben zurücklassen müssen. In diesen Alben sind die Köpfe aus den Fotos herausgeschnitten oder die Augen ausgestochen worden. Sie haben Spielzeugpuppen enthauptet. Manch einer mag denken, dass das nur krank ist, aber es hat mit einer Strategie zu tun. Es sendet das Signal aus, kommt ja nicht zurück. Und wer zurückkommt, soll davor abgeschreckt werden, zu bleiben.

Warum wissen wir noch nichts von diesen Kindern des IS?

Jacob: Alle Indikatoren weisen darauf hin, dass eine Nachfolgeorganisation des Islamischen Staates in Erscheinung treten wird – aber jetzt noch nicht. Jetzt ist die Zeit des Rückzugs, die Zeit der Findung, die Zeit der Strukturierung. Wir werden es in wenigen Jahren mit einem neuen Terroristentypus zu tun haben, und diese Extremisten werden mehr weiche als harte Ziele im Blick haben. Sie werden Europa unter Druck setzen, indem sie eine brutale Vertreibungspolitik betreiben. Diese neuen Flüchtlingsströme werden Europa noch viel mehr als heute beschäftigen. Sie haben erkannt, dass Europa sehr wohl verletzlich ist, nämlich innerhalb der Gesellschaft. Das wiederum führt zum Erstarken des Rechtspopulismus. In diese Kerbe werden sie weiter schlagen.

Woher kommen diese Kinder und sind auch christliche Kinder darunter?

Jacob: In der Mehrheit sind das sunnitische Kinder, viele sind zwangsrekrutiert worden, das heißt den Eltern weggenommen worden, zum Beispiel in Mossul. Einige sind jesidische Kinder. Christliche Kinder haben wir bisher nicht entdecken können und davon haben wir auch nicht gehört. Die meisten Christen hatten die Möglichkeit zu fliehen. Wir haben von einigen Kindern erfahren, dass sie abscheuliche Greueltatten mit ansehen mussten, zum Beispiel Enthauptungen. Wir sprechen von einer verlorenen Generation, auch wenn es zunächst nur hunderte oder mehrere Tausend sind. Die IS-Nachfolger ziehen sich hier ihre Dschihadisten heran, – noch brutaler und skrupelloser als die Vorgänger. Das kennen wir übrigens auch von Elite-Einheiten Saddam Husseins. Sie waren ebenfalls schon als Kinder entsprechend ausgebildet worden und empfanden keinerlei Empathie. Es waren die schlimmsten Folterer von allen.

Kinder machen das aber doch nicht alles freiwillig. Werden sie geschlagen, eingesperrt?

Jacob: Viele Kinder werden geschlagen, teilweise brutal gebrochen. Sie werden gezwungen, sich auch Gewaltexzesse anzusehen. Wenn sie es nicht tun, werden sie bestraft, zum Beispiel mit Essensentzug. Es gibt Prügelstrafen, aber das ist dort praktisch normal. Es wurde allerdings auch belohnt. Es gab ein Eis oder man gab ihnen zusätzliche Munition zum scharfen Schießen.

Es gibt Berichte darüber, dass im Kampf um Mossul vom IS auch Kindersoldaten eingesetzt werden und Selbstmordattentäter.

Jacob: Unseres Wissens nach wurden Kinder eingesetzt, allerdings gegen ihren Willen. Ihnen wurde beispielsweise beigebracht, wie sie Bombenpakete anlegen. Wahrscheinlich ist es so, dass Kinder ausgebildet wurden, um mit einer solchen Bombe von Punkt A nach Punkt B zu gehen, und dann wurde die Bombe ferngezündet. Ich kann jedenfalls bestätigen, dass Kinder darin ausgebildet wurden und ihnen die technischen Möglichkeiten beigebracht wurden. Wir haben auch von Fällen gehört, wo Kinder gegen den Willen der Eltern als Selbstmordattentäter irgendwohin geschickt wurden. So makaber das jetzt klingen mag, aber das steht alles auf ihrem Stundenplan, es gehört zu ihrer Ausbildung. Es gibt sogar taktischen Unterricht.

Was geschieht mit solchen Kindern, die befreit wurden, in den Flüchtlingslagern? Sie sind doch schwer traumatisiert und psychisch gestört.

Jacob: Es gibt Trauma-Programme mit lokalen Pädagogen, finanziert von NGOs (Nichtregierungsorganisationen) unter Einbindung lokaler Kräfte wie zum Beispiel Lehrerinnen, wobei viele mit ihnen als Frauen aufgrund ihrer Indoktrination zunächst große Schwierigkeiten haben.

Was ist zu tun?

Jacob: Man muss Zukunftsperspektiven schaffen. Wir werden nicht darum herum kommen, in diesen Regionen zu investieren. Es sind doch fehlende Perspektiven, Ungleichheit, Korruption und religiöse Indoktrination, dabei unterstützt durch einen finanzstarken Partner aus den Golfstaaten. Letzteres konterkariert alle anderen Bemühungen um Verbesserungen. Religiöse Indoktrination hat ihren Ursprung in den wahabitischen Regionen. Wir können und dürfen da nicht mehr wegschauen.

Jetzt erst war Papst Franziskus bei seinem Ägyptenbesuch auch in der berühmten Al Azhar-Universität in Kairo, einem Zentrum des sunnitischen Islam. Was dort gesagt wird, ist maßgeblich für die meisten Sunniten.

Jacob: Es gibt eine Grundfrage, und die ist verbunden mit dem Absolutheitsanspruch des Islam. Solange die Universität in Kairo und solange alle anderen wichtigen sunnitischen Institutionen sich nicht gegen diesen Absolutheitsanspruch aussprechen, wird es immer wieder zu diesem Extremismus kommen. Doch diese Debatten werden bis heute nicht geführt. Der Islam muss sich von innen heraus reformieren. Mir ist bewusst, dass man sich dazu von den Ursprüngen distanzieren muss. Doch um es deutlich zu sagen, der Islam mit seiner rückwärtsgewandten Dogmatik ist ein Hindernis für die Bildung einer zivilisierten Gesellschaft. (GEA)

http://www.zocd.de/…/…/05/05.05.2017.gea_.ges_.politik.4.pdf

Wir danken Jürgen Rahmig vom Reutlinger Generalanzeiger für das hervorragende Interview und die Erlaubnis, es auf unseren Seiten veröffentlichen zu dürfen.