Land: Irak
Ort: Nordirak/Bartella – Nördlich von Mosul
Datum: 25.11.2016

Die Kinder von Bartella

Erst vor wenigen Tagen besuchte ich im militärischen Absperrgebiet das vom IS befreite Dorf Bartella. Die Schergen der sunnitisch – extremistischen Glaubensgruppe wüteten hier über zwei Jahre lang. Doch nicht nur sie waren es, die die Häuser plünderten und mordeten. Auch die arabischen Nachbarn waren daran beteiligt. Im gemeinsamen Hass gegen die Ungläubigen, die Affen, die Schweine, wie man die christlichen Assyrer/Chaldäer zu nennen pflegte.

Als ich das Haus eines Freundes betrat, dieser tat sich sichtlich schwer damit seine Gefühle unter Kontrolle zu bringen, offenbarte sich mir ein Bild des Grauens.
Aber nicht nur.
Die, die hier waren, verstanden etwas vom asymmetrischen Krieg.
Ganze Tunnelsysteme, mitten in den Häusern, tief in die Erde gegraben, verbanden strategische Punkte miteinander. Häuserwände wurden durchbrochen. Eine taktische Notwendigkeit, um als Scharfschütze im Häuserkampf schnell, Deckung suchend, von einem Ort zum anderen zu kommen.

Doch waren es nicht diese Hinterlassenschaften mit all ihren furchtbaren Tragödien, die mich zum Nachdenken brachten. Es waren Gegenstände in den Trümmern der Häuser, die meine Überlegungen bestätigten, dass die meisten sunnitisch – extremistischen Kämpfer des IS ein massives Problem mit sich und aller Wahrscheinlichkeit nach auch mit ihrer Kindheit hatten.
Denn anders lässt es sich nicht erklären, weshalb gerade Spielsachen, besonders Plüschtiere und Puppen, die bei vielen Kindern besondere Emotionen auslösen, offen überall verstreut wurden. Demonstrativ beschmutzt und sogar, wie im Falle einer Spielzeugpuppe die ich entdeckte, geköpft.

Innerlich fragte ich mich, was mit diesen Wesen schief gelaufen ist, wenn sie selbst vor einer Puppe Angst haben und nicht zögern, diese zu enthaupten und zur Schau zu stellen.
Wie krank, verseucht und pervers muss ihr Geist sein, dass sie noch nicht einmal vor Kinderspielzeug halt machen.
Wir müssen uns vor ihnen mit ihren zotteligen Bärten und irregeleiteten Blicken nicht fürchten. Sehr wohl müssen wir aber damit beginnen, die Wahrheit zu erkennen. Nämlich die Tatsache, auch religiös untermalt, dass während ihrer Erziehung etwas ziemlich schief gelaufen ist.

Dies gilt für die Verrückten aus Europa, die mit einer besonderen Brutalität ihre sadistischen Neigungen zur Schau stellen, als auch für die, die vor Ort groß geworden sind.

In beiden Fällen entspricht es den Tatsachen, dass Werte im Schoße der Familie vermittelt wurden. Aber auch durch die Religion, welche den moralischen Wertekanon eines Kindes massiv formen kann.

Und so war es nicht ungewöhnlich, dass ich in Flüchtlingscamps Kinder aus Mosul traf, die, nach zwei Jahren Indoktrination des IS, nichts als Hass und Verachtung gegenüber Frauen und Nichtsunniten empfanden.

Auch diesen Kindern wurde die Kindheit genommen.

Simon Jacob, Nordirak – Bartella, 19. November 2016