Wenn wir die Anschläge betrachten in Berlin, Ankara, Bagdad, Paris, Brüssel, ……., sind wir alle sehr schnell darin bestrebt, unser Beileid zu bekunden. Das ist auch richtig so und öffnet den Weg zur Bewältigung des Erlebten und Erfahrenen.

Doch vergessen wir, verdrängen wir, sind blind vor der Tatsache, dass der Terror islamistischer Extremisten einer perversen aber hochgradig wirkungsvollen Strategie folgt.

Indem dieser die Söhne und Töchter einer Gesellschaft exekutiert, auf möglichst grausame Art und Weise, verursacht er besonders bei den Müttern, Lebenspartnern und Schwestern der Opfer sehr emotionales Leid.

Leid, welches den männlichen Teil der Gesellschaft dazu veranlasst, Rache üben zu wollen. Nach der Sichtweise der Extremisten soll diese Rache einen apokalyptischen Zustand hervorrufen, geprägt durch den gebrochenen Vater, Mann, Bruder, welcher den Endkampf einläutet.

So die Dogmatik der Verblendeten.

Doch sind zivilisierte Menschen in eine zivilisierten Welt keine von Rache getriebenen Wesen.

Gehen wir mit Vernunft und Klugheit an die Sache heran, schützen wir zunächst die, die uns das Leben schenken.

Warum ?
Lest den Artikel weiter unten.

Eine Erfahrung, die ich vor vielen Jahren gemacht habe.
Und mich bis heute geprägt hat.

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Vor vielen Jahren ………

VON EINER MUTTER, DIE IHR KIND VERLOR

Ich möchte Euch eine Geschichte erzählen.
Es ist kein Märchen und es ist keine erfundene Erzählung.
Leider ist es die bittere Wahrheit.
Eine Wahrheit, die mich bis heute verfolgt und mich nicht loslässt.
Worte, die sich tief, sehr tief in die Seele meines Herzens eingebrannt haben.
Worte, die mich aber auch angetrieben haben.
Mir keine Ruhe ließen, bevor ich nicht mein Versprechen erfüllte, welches ich dieser Mutter gab.

Vor vielen Jahren betrat ich ein Land, so alt und unterschiedlich wie es in den alten Büchern beschrieben wurde.
Reich an Wissen, reich an Natur, reich an Menschen die so vielfältig sind, wie die leuchtenden Sterne am Himmel.

Aber leider auch geprägt durch Gewalt.
Geprägt durch Gier.
Geprägt durch Angst und Hass.
Geprägt durch den Wahn die zu vernichten, die Frieden schaffen wollen und zu nichts weiter berufen sind, als ihren Kindern eine Zukunft zu geben.

Mesopotamien, die Wiege der Kultur, der Ursprung der Zivilisation, ist die Welt, die ich vor Jahren betrat.

Im Hause einer Stadt, nicht weit entfernt von der alten Königsstadt Nimrud, im heutigen Mosul gelegen, traf ich sie.

Das Gesicht voller Falten.
Die Haare ergraut.
Der Gang gebeugt.
Und die Augen !

Ja, diese Augen.

Voller Traurigkeit.
Müde vom Leid.
Ertränkt in Tränen der Bitterkeit und zum Verdursten verdammt, weil sie des Weinens überdrüssig waren.
Sie blickten mich an.
Musterten mich, beobachteten mich, nahmen Maß an mir.
Tief durchdrangen sie mich.

So tief, dass langsam, beginnend mit einem leichten Prickeln auf meiner Haut, sich ein nervöses, unbehagliches Gefühl ausbreitete.
Es erfasste meinen ganzen Körper und mein Verstand versuchte sich dagegen zu wehren.
Doch mein Herz ließ es nicht zu.
Meine Beine wollten gehen, doch meine Seele war leer und gleichzeitig erfüllt vom Blick der alten Frau, der Mutter, die nicht mehr vor mir ließ.

Der Blick, wie sieh zusah, als ihrem Sohn, mit einem scharf geschmiedeten Schwert, der Kopf vom Rumpf getrennt wurde.
Der Blick, der davon berichtete, wie vermummte Gestalten, unter „Gott ist groß“ Rufen, langsam den kalten Stahl an den Nacken des Sohnes ansetzten, der gerade die Blüte der Jugend sein eignen nennen durfte.

Doch wie schmerzhaft war das Leid der Mutter, als sie das Blut an seinem Körper herabströmen sah und wusste, dass die Jugend nicht mehr die seine ist.
Noch schmerzhafter war der Grund des Schmerzes, den es zu ertragen galt.
Denn Sie sagte:

„Warum, warum …… Fragten sie ihn doch ob er ein Christ ist.“
„Fragten sie doch nicht, was für ein Christ er sei…..“
„So enthaupteten sie den Christen des Christseins wegen und nicht um ihm einen Namen zu geben.“
„Nicht um ihn Assyrer oder Chaldäer zu nennen. Sondern seines Glaubens wegen.“

In meinen Gedanken sah ich das Blut all derer die Mutter und Vater nannten.
Bruder und Schwester.
Ich sah ihr Blut, wie es sich sammelte zu einem großen See und die Mütter und Väter standen um diesen herum.
Sie warfen die Hände in die Luft und beteten.
Beteten des Schmerzes willen und doch waren ihre Münder stumm.
Sie konnten nichts sagen weil sie das Wort nicht fanden das sie suchten.

Denn der Schmerz machte sie stumm und stumm kam sie auf mich zu.
Die Mutter.

Stumm und mit einem klaren, schmerzerfüllten und gleichzeitig traurigen Blick kam sie auf mich zu.
Legte ihre Hände um mich.
Zunächst langsam und behutsam.
Sanft und mütterlich, fast schon rührend und friedlich.

Bis !
Bis sie dann ihre kleinen, von dünner und grauer Haut überzogenen Hände und Arme fester um mich zog.
So fest, dass es mir den Atem nahm.
So stark, wie es nur eine Mutter im Moment der Verzweiflung tun kann.

Ich bekam keine Luft mehr, konnte nicht mehr atmen, wollte laufen….
Weit weg laufen.
Doch die Mutter ließ mich nicht los.
Sie ließ meine Seele nicht los und ich konnte nicht fliehen.
Lieber wäre ich auf dem Schlachtfeld gewesen als mich dem hinzugeben, was mich in diesen Sekunden, Minuten und Stunden traf.

Der Schmerz einer Mutter war es, der mich lähmte und mir den Verstand raubte.
Mich betäubte und taumeln ließ.
Vor meinen Augen immer wieder die Bilder des Schmerzes
erleben ließ, die vielen Bilder, tief, tief versteckt in meinem Unterbewusstsein und mich quälten.

„Mutter, bitte, bitte lass mich los.“

Ich flehte sie an !
Doch sie ließ mich nicht los.

Erst als die Worte meine Lippen verließen, ihrem Kind eine Stimme zu geben, ließ sie meine Seele gehen.

Sanft, fast schon friedlich, löste sie die Hände von mir und drehte sich um.
Dreht sich, um einen weiten, weiten Weg zu gehen.

Wohin sie gegangen ist, weiß ich nicht mehr.
Ich fragte auch nicht.

Doch kannte ich nun mein Ziel.

Ihr und ihren Kindern, und all denen die nach ihnen kommen, sollte ich das Wort geben.

Und das Wort sollte gehört werden.

Denn das Wort ist mächtiger als das Schwert

Simon Jacob