Gefoltert in Syrien – Das Licht das ich erblickte, rettete mich
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Land: Nordsyrien
Ort: Foltergefängnis Syrien
Datum: 21.12.2015

Krieg ist ein System. Eine Maschinerie. Ein profitables Geschäft für die einen, aber eine Qual für die meisten. Und wenn wir uns dann den Beginn des Krieges betrachten, so wie in Syrien, so müssen wir auch nach dem „Warum“ fragen. Nach den Gründen. Nach den Tatsachen. Der Realität, die wir so oft verdrängen. Weil das Verdrängen, das Übersehen und sogar das Leugnen so viel bequemer ist als das Hinsehen. Dieser Krieg, unabhängig vom Einfluss verschiedenster Akteure, begann, weil ein Regime nun einmal auch ein Regime ist. Eines, welches mit eiserner Hand regiert. Und mit eiserner Hand auch foltert. Tausende und Abertausende.

Und doch obliegt es nicht mir, über ein Regime zu urteilen. Dessen Sicherheitsapparate oder Geheimdienste zu verurteilen. Die Methoden, mit denen Geständnisse erpresst oder Menschen malträtiert werden, zu bewerten. Meine Aufgabe ist es zuzuhören. Einem Menschen, einem Gefolterten, einem Gebrochenen wenigstens ein paar Stunden meiner Zeit zu schenken. Um ihm die Würde zu geben, die ihm genommen wurde. Trotz der Qualen und der Tränen, die auch mein Gesicht berührten als ich von seinem unendlichen Leid erfuhr.
Geschehen, irgendwo in den Wirren dieses Bürgerkrieges. Aufgerieben und vergessen zwischen den Fronten.

Musa, 27, erzählt …

„Wir demonstrierten für das Recht, frei wählen zu dürfen. Unsere Sprache frei lehren zu dürfen. Nicht nur geduldet in den Kirchen. Auch wir sollten das Recht haben, den Präsidenten stellen zu können. Unabhängig davon ob wir nun Christen oder Muslime sind. Wir demonstrierten für das Recht, als Volk anerkannt zu werden. Uns lediglich als Christen zu sehen, hätte uns immer nur zum Spielball derer gemacht, die nach Macht streben. Dafür demonstrierten wir. Dafür demonstrierte ich. Mehr war es doch nicht. Mehr habe ich nicht getan.“

„Sie drangen nachts in unser Haus ein. Ich schlief mit meinem Bruder in einem Zimmer. Das ganze Haus war umstellt. Sie suchten gezielt nach mir und meinen Geschwistern. Sie fragten mich nach meinem Ausweis und ich gab ihnen diesen. Sie nahmen alles mit. Meinen Laptop, meine persönlichen Gegenstände. Einfach alles. Sie führten mich ab. Und als ich unseren Hof betrat sah ich erst, dass sich noch mehr Sicherheitskräfte positioniert hatten. Scharfschützen waren auf dem Dach, die Gewehre auf mich gerichtet. Schwer bewaffnete Fahrzeuge brachten mich zum Verhör. Fünf Stunden verbrachte ich zunächst hier…..“

Beim Verhör

„Ja, ich war in der Türkei. Besuchte dort Verwandte. Nicht mehr. Das ist mehrere Jahre her. Noch vor dem Krieg. Sie möchten mir keinen Glauben schenken. Ich wäre ein Terrorist. Hätte Verbindungen zu denen, die Syrien schaden möchten. Sie wollten mir einfach nicht glauben. Setzten mich unter Druck. Ich sollte ein Geständnis ablegen.
Nur warum? Für etwas, was ich nicht getan habe?
Angeblich hätte ich mich mit den Freiheitskämpfern unterhalten, ausgetauscht, in Verbindung gesetzt. Ich widersprach. Immer wieder widersprach ich. Ich hatte doch nichts getan.“

Musa versucht die Fassung zu wahren und blickt mir nicht mehr in die Augen

„Und immer wieder die Schläge. Die Augen verbunden. Die Fragen.
Wer wir sind. Woher wir kommen. Was wir vorhaben.
Ich wusste nie aus welcher Richtung die Schläge kamen.
Zuerst die Füße, dann die Beine, dann der Rücken.
Halbnackt immer wieder diese Folter.
Und immer wieder die Forderung eines Geständnisses.
Und die Frage, was wir wollen. Was unser Ziel ist.“

„Unser Ziel ist doch nichts weiter als gleichberechtigt behandelt zu werden.
Mehr nicht!“

Ich stelle mir alle diese Dinge gedanklich vor. Der Gefängnistrakt in dem er ist. Die körperlichen Strafen. Während er spricht merkt man ihm an, wie er noch einmal gedanklich alles durchlebt.

Damaskus:

„Nach neun Tagen Folter wurden wir mit einem Flugzeug nach Damaskus gebracht. Schon beim Aussteigen des Flugzeuges, als wir den Bus betraten, welcher uns in ein weiteres Gefängnis bringen sollte, wurde auf uns eingetreten. Nackt und mit verbundenen Augen wurden wir, nachdem wir den Bus verlassen hatten, in mehrere Fahrzeuge gepfercht. Blind betraten wir eine Art Keller. Erst da wurden uns die Augenbinden abgenommen. Und nun wüste Beschimpfungen. Schläge auf die nackte Haut. Nackt im Kreis laufen. Und immer wieder Schläge und Beschimpfungen.
Eingesperrt in einem engen Raum, die Hände eng verbunden, konnten wir nur stehen. Wir standen die ganze Nacht. Ohne Wasser. Ohne etwas zu Essen. Bis die ersten zusammenbrachen.
Endlich bekamen wir etwas Wasser zu trinken. Und zu Essen. Das Brot war verfault. Diejenigen, die nicht anders konnte, aßen es. Andere konnten nicht. Es war einfach ungenießbar.“

Musa schildert mir wie manche fast verdursteten. Wie sie von ihren Peinigern gequält wurden. Auch ohne die Wunden an seinem Körper zu betrachten, reicht es aus in sein schmerzverzerrtes Gesicht zu blicken, um eine immense Qual darin zu sehen.

Schikane

„Nur zwei Mal am Tag, in Unterwäsche bekleidet und fast nackt, durften wir unsere Notdurft verrichten. Wer nicht schnell genug war, wurde geschlagen. Wer auffiel, wurde geschlagen. Jeden Tag musste einer aus der Gruppe andere auswählen, die gefoltert wurden. Tat er dies nicht, so wurde er für die anderen gefoltert. Mit einer besonderen Härte.“

„Wir waren eine vierzehnköpfige Gruppe. In einem Zimmer mit 2 x 2 Metern.
Schlafen konnten wir nur, wenn wir uns beim Sitzen gegenseitig die Füße ins Gesicht hielten.
Es war unerträglich.
Und unerträglich war die Einzelfolter.
Nackt kniend sollten wir gestehen. Mit einem Schlauch wurden wir malträtiert.
Dann wurden wir nackt gegen eine Wand gedrückt. Die Letzten wurden wieder mit dem Schlauch ausgepeitscht. Wir sollten durch diese Tortur weiter erniedrigt werden. Unsere Genitalien sollten sich berühren. So ging es wochenlang weiter.“

Musa blickt auf den Boden und faltet die Hände zusammen. So, als ob er beten würde.

Das Licht

„Eins Tages konnte ich nicht mehr. Ich wollte nicht mehr in diesem Zimmer eingesperrt sein. Im Sitzen schlafen. Mit den Füssen eines Mitgefangenen im Gesicht. Ich hatte keine Willen mehr. Ich blieb einfach stehen. Die ganze Nacht. Bis mich einer der Wärter erblickte.
Er nahm mich mit, um mich für mein Ungehorsam zu bestrafen.“

Musa blickt mich an und gibt mir zu verstehen, dass er nun mit seinem Tod rechnete

„Die Hände wurden mir zusammengeschnürt. Nackt hing man mich an einer Decke auf. In einer Kammer. Völlig alleine. Stunden, Tage. Ich weiß es nicht mehr
Ich war bereit, bereit zu sterben. Ich wollte nur noch der Folter entfliehen und es hinter mich bringen. Den Schmerz spürte ich nicht mehr. Ich hatte abgeschlossen mit meinem Leben.“

Musa schaut hoch. Streckt den Kopf nach oben. So, als ob er zu Gott sprechen würde. Seine Augen fangen an zu tränen.

„Im Zimmer gab es ein kleines Fenster. Klein und unscheinbar. Es war offen. Licht drang herein. Und mit dem Licht ein kühler Hauch. Das Licht traf mein Gesicht. Die kalte Luft ließ mich atmen. Ein wohlwollendes Gefühl breitete sich in mir aus. Ich schloss die Augen. Ließ die kühle Luft meinen geschundenen Körper berühren. Empfing die Wärme der Sonnenstrahlen. Und ich lächelte.“

Musa lächelt tatsächlich in diesem Moment. Er weint und lächelt zugleich.

„Ich sah ihn. Wie er ans Kreuz genagelt wurde. Mit all seinen Schmerzen. Er hatte sich für uns geopfert. Licht strömte von ihm herab. Es traf mich. In meinem Herzen. In meiner Seele. Es weckte mich auf. Ließ Freude zu. Und Dankbarkeit.
Dankbarkeit für das Opfer, welches er erbrachte. Denn sein Opfer war für uns alle da. Und ich wusste, dass mein Glaube meine Hoffnung ist. Denn der Windhauch kühlte mich. Das Licht wärmte mich.“

In diesem Moment kann ich nicht anders. Ich stelle mir vor, wie er von der Decke hängt und lächelt. Und auch ich bemerke, wie eine Träne meine Wange trifft und herunterperlt.

„Mein Glaube ist meine Hoffnung. Das Licht meine Rettung.“

Überleben

Über ein Jahr wurde Musa festgehalten. Immer wieder gefoltert. Unter Druck gesetzt. Mal sollte er gestehen, dass er mit Israel zusammenarbeitet. Ein anderes Mal wurde ihm eine Zusammenarbeit mit der Türkei vorgeworfen.

Die Grausamkeiten, die ihm widerfahren sind, sind unvorstellbar. Viele Gefangene, unter ihnen auch Christen oder Suryoye, wie richtigerweise die ethnische Bezeichnung wäre, ebenfalls Alawiten, Sunniten, Kurden usw…. wurden Opfer grausamer Foltermethoden. Hier lernte Musa auch sunnitische Gefangene kennen, die vorher ein einseitiges Bild von den Suryoye, den Christen hatten.
Tausende haben die Folter nicht überlebt. Tausende sind in den Gefängnissen gestorben.
Und die Gefängnisse sind Brutkammern. Brutkammern für die, die sich danach noch mehr radikalisieren.

Viele die überleben tragen einen tiefen Hass in sich. Einen Hass auf das Regime. Auf den Krieg. Aber auch auf all die, die augenscheinlich auf der Seite des Regimes stehen. Unabhängig davon ob sie gezwungen sind oder dies aus der Sichtweise tun, unter diesem einen effizienteren Schutz zu genießen.

Es liegt mir fern ein Urteil darüber zu fällen, was nun brutaler ist. Die Foltermethoden, die Regime an den Tag legen, oder die Methoden der Dschihadisten, welche das Morden und Malträtieren öffentlich zur Schau stellen.

Ich bin nur froh, dass Musa, auch dank der Unterstützung guter Freunde, überlebt hat.

Nun ist er einigermaßen in Sicherheit. Wenn man überhaupt von Sicherheit sprechen kann.
Denn junge Männer wie er sind nicht nur Opfer einer einseitigen Politik. Sie sind gleichzeitig auch das Feindbild extremistischer Gruppierungen wie dem IS, welcher am liebsten alles christliche, schiitische, jesidische und sunnitische Leben, sofern dieses nicht der eigenen Norm entspricht, vom Antlitz dieser Welt tilgen möchte.

Dank meines deutschen Ausweises befinde ich mich wieder in Sicherheit.
Musa hat keinen deutschen Pass.

Er will auch nicht nach Europa.
Er möchte Sicherheit in seiner Heimat.

Simon Jacob

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