Land: Deutschland
Ort: Brühl/Bundesfinanzakademie
Datum: 16.09.2016 – 18.09.2016

12. Reunion 2016 – Partnerschaft – Kameradschaft – Freundschaft

Die Reunion ist eine jährliche Konferenz zu der ehemalige Teilnehmer des deutsch-amerikanischen Reserveoffiziersaustausches und Mitglieder des Freundeskreises eingeladen werden. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht hat, neben zivilgesellschaftlichen Aktivitäten auch politische Themen anzuschneiden, die nicht nur für Vertreter des Militärs von höchstem Interesse sind. Dabei sind alle drei Waffengattungen – Luftwaffe, Marine und Heer – vertreten. Manche von ihnen sind ehemalige Kampfpiloten. Andere waren bei der Luftabwehr aktiv und nicht wenige dienten auf Fregatten der Marine.

2013 hatte ich, damals noch als ehrenamtlicher Integrationsbeauftragter der Syrisch – Orthodoxen Kirche, bereits die Ehre, einen Vortrag über die Entwicklung der nahöstlichen Kirchen auf der US – Base in Rammstein zu halten. Dies im Zusammenhang mit extremistischen Entwicklungen, die heute leider zu solchen Gegebenheiten wie dem IS und dem massiven Exodus verschiedenster Minderheiten aus dem Nahen Osten beigetragen haben. Neben dem Botschafter Israels und General Naumann a. D. waren 2013 weitere hochkarätige Referenten aus der Politik und dem Militär vertreten.

2016 hat sich nun lediglich der Austragungsort in die Konferenzräumen der Bundesfinanzakademie nach Brühl verlegt. Das Konzept ist das gleiche geblieben. Die Zahl der Referenten hat zugenommen. Die Qualität der Veranstaltung hat noch einmal eine massive Steigerung erlebt. Die Themen, auf die ich weiter unten im Artikel eingehe, hätten nicht brisanter sein können und vermutlich nicht nur Angehörige des Militärs interessiert.
Entsprechend war ich auch hocherfreut darüber, Dr. Berthold Gees von der Konrad – Adenauer – Stiftung ebenfalls auf der Veranstaltung begrüßen zu dürfen.

Referenten:

Den Auftakt machte am ersten Abend Dr. Güllistan Gürbey (Politikwissenschaftlerin und Privatdozentin am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin) zum Thema:
„Regionalpolitik Irak – Kurdistan“.

Zum Vortrag selber habe ich es leider nicht rechtzeitig geschafft. Doch gab es beim Abendessen ausreichend die Möglichkeit, mich mit Dr. Gürbey auszutauschen. Besonders der Umgang des NATO – Partners Türkei in Syrien, dessen Sorge ein eigener Kurdenstaat in Syrien ist, kam zur Sprache. Ebenfalls die Tatsache, dass die Türkei in diesem vom Bürgerkrieg gebeutelten Land den Verbund der Kräfte (SDF – kurdische, christliche und arabisch-stämmige Milizen) bekämpft, welcher am effektivsten gegen den Islamischen Staat und andere Extremistengruppen vorgeht. Für Dr. Gürbey, die selber Kurdin ist, ist die aktuelle Situation ein sichtlich schweres Thema.

„Die Rolle der USA in einer Welt voller Konflikte“
Referent: US Botschafter a.D. Prof. Dr. James Bindenagel
(Leiter, Center for International Security and Governance)

Mit Professor Dr. James Bindenagel, den ich bereits auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2014 in einer internen Runde kennenlernen durfte, fingen nach der Auftaktrunde am Vorabend die weiteren Vorträge am nächsten Tag an.

Professor Bindenagel, der über dreißig Jahre diplomatische Erfahrung sein eigen nennen kann, darunter von 17. Juni 1996 bis 10. September 1997 als US Botschafter in Deutschland, sprach die Rolle der Vereinigten Staaten in der Welt an. Den Einmarsch in den Irak und die damit verbundene Auflösung der Sicherheitskräfte (Armee, Polizei, Administration…) betrachtete er als massiven Fehler, der letzten Endes zur Entwicklung der Al Qaida im Irak und des IS führte. Der Botschafter außer Dienst ging weiterhin auf die wichtigen Beziehungen zwischen der EU und den USA ein. Die Rolle Deutschlands in der Nato, welche, auch ohne dass Deutschland dies beansprucht, zunehmen wird. Damit verbunden ist eine größere Verantwortung. Der Austritt des britischen Königreiches aus der EU kam zur Ansprache. Ebenfalls die Rolle Russlands im Nahost und Ukrainekonflikt. Die Globalisierung. Aber auch die Machtansprüche Chinas im südchinesischen Meer und Chinas Einflussfaktor gegenüber den Bestrebungen Nordkoreas Atomwaffen zu entwickeln. In allen Aussagen schwang das Wissen des Diplomaten mit, welcher bereits viele Höhen und Tiefen sah und die aktuellen Entwicklungen mit einem fast schon typisch deutschen Pessimismus betrachtete. Eine Tatsache kam verstärkt zur Geltung:
Europa wird zukünftig mehr zur Sicherheit der Welt beitragen müssen. Daran führt kein Weg vorbei.

„Russland und der Westen“
Referent: Brigadegeneral a.D. Dr. Klaus Wittmann (Senior Fellow Aspen Institute Deutschland)

Brigadegeneral a. D. Dr. Klaus Wittmann wurde mit den Worten wie folgt begrüßt:

„Er ist der in den Medien zitierte Putin Versteher.“

Nachdem die Teilnehmer der Veranstaltung die Aussage mit Humor aufnahmen, ging der ehemalige General auf die damit verbundene Realpolitik über.

Selbstkritisch ging er dabei mit der Politik des Westens um, der zwar die aggressive Okkupationspolitik Russlands auf keinen Fall dulden kann und die Sanktionen als richtige Antwort betrachtet. Doch hätte dieser, der Westen, intensiver auf die Gegebenheiten eingehen müssen, die seit dem Ende der Sowjetunion zu den aktuellen Entwicklungen geführt haben. Hierbei geht es auch sehr viel um den verletzten Stolz einer ganzen Nation, die sich erniedrigt fühlte. Putin galt und gilt als so etwas wie der Heilbringer, welcher das Land wieder zu einer Weltmacht geformt hat. Dies allerdings auf Kosten der Souveränität anderer Staaten. Hier ist z. B. die nicht legale Annexion der Krim zu nennen. Ebenfalls feuert Russland in den Kaukasusregionen immer wieder Konflikte an, so z.B. in Georgien oder im Aserbaidschan – Armenien Konflikt (Berg Karabach), die zur Ablenkung innerpolitischer Probleme benutzt werden. Ebenfalls darf man die Ängste der baltischen Staaten und Polens nicht unterschätzen, die, historisch betrachtet, allergrößte Sorge vor einem Konflikt mit Russland haben.

Wenn man das aktuelle Verhalten Putins verstehen möchte, muss man auch die geschichtsträchtigen Hintergründe verinnerlicht haben, die letzten Endes zur Kränkung einer ganzen Nation geführt haben, um es zusammenfassend mit den Kernaussagen von Dr. Klaus Wittmann zu beschreiben.

Dabei hätte Russland eigentlich die Möglichkeit aufgrund seiner Kapazitäten, seiner Größe und des vorhandenen Potentials, gemeinsam mit dem Westen für Frieden auf der Welt zu sorgen.

„Krisenmanagement in der Phase der höchsten Flüchtlingswelle (Sep bis Nov 2015)“
Referent: Oberst a.D. Hans Zschippig (ehem. stv.Ltr. der Flüchtlingskoordinierungsstelle des BAMF)

Nachdem wir nun dank der zwei hochkarätigen Vorredner viel über die geopolitischen Entwicklungen in der Vergangenheit und der Gegenwart erfahren durften, lag es nun an Oberst a. D. Hans Zschippig, uns die Auswirkungen aktueller Konflikte näher zu bringen.

Während der Flüchtlingskrise 2015 wurde der Oberst a. D. nach Bayern einberufen, um einen Krisenstab einzurichten, welcher die ankommenden Flüchtlingsströme bewältigen sollte. Wenn man dem hochgewachsenen Soldaten der Bundeswehr so zuhörte, spürte man intensiv, die Disziplin und das Organisationstalent eines verantwortungsvollen Managers, welcher nicht auf der Stelle trat, sondern immer nach einer Lösung suchte.

Anhand einer Präsentation zeigte uns Zschippig die verschiedenen Schritte, die dieser, beauftragt durch das bayerische Sozialministerium, einleitete, um der Flut an Menschen Herr zu werden. Es grenzt schier an ein Wunder, dass bei der Bewältigung der Flüchtlingsströme, die Bayern über drei Haupttore zeitweise regelrecht überschwemmten, es nicht zu größeren Komplikationen kam. Aller Wahrscheinlichkeit nach, näher betrachtet, war dies dem soldatischen Können des Obersts a. D. zu verdanken.

Nach der Ausführung des fast schon strategisch anmutenden Vortrages konnte man in vielerlei Hinsicht verstehen, warum Polizisten, Sicherheitskräfte und Beamte reagiert haben wie sie nun einmal reagieren mussten.

Leider kam in den Medien, und dies ist sehr bedauerlich, viel zu wenig zur Geltung, dass gerade aktive Soldaten und Reservisten der Bundeswehr, auf den verschiedensten Ebenen, die Spitze der Strukturen bildeten, um der Krise mit all ihren Entwicklungen für die Gesellschaft Herr zu werden.

„U.S. Army Europe mission – execution of the U.S. Security Policy for Europe“
Referent: Brigadier General Phillip S. Jolly
(Deputy Commanding General, Mobilization & Reserve Affairs Director, Army Reserve Engagement Cel)

Ein Flair von Hollywood kam auf, als der US General Phillip S. Jolly uns auf spannende Art die Sichtweise der Amerikaner in Bezug auf die Stabilität Europas näher brachte. Dem Vortrag vorausgehend wurde ein Video gezeigt, welches die Kooperation europäischer Streitkräfte mit den US Verteidigungskräften demonstrierte. Dabei kamen folgende drei Aussagen klar zur Geltung.

1. Innerhalb Europas wird Deutschland eine Führungsrolle bei der Verteidigung und allen damit verbundenen Konsequenzen einnehmen müssen
2. Deutschland kann sich auch in der Welt seiner Verantwortung nicht mehr entziehen
3. Die USA werden ihre Truppenstärke in Übersee weiterhin zurückfahren und verstärkt auf Kooperationen mit Verbündeten setzen.

Interessant in diesem Zusammenhang war die Erläuterung des US – Generals, dass die amerikanische Truppenstärke in Deutschland seit dem Ende des kalten Krieges von 300.000 Mann auf 30.000 zurückgegangen ist. Klar und deutlich äußerte sich der Referent auch über die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten von Amerika, unabhängig davon wer Präsident wird, nicht willens sind, die Truppen wieder aufzustocken.

Im Klartet bedeutet das, dass Europa weiterhin auf die Unterstützung der Amerikaner aufbauen kann. Doch Europa wird auch selber investieren müssen. Sei es nun in mehr Material, besser ausgebildete Streitkräfte oder sogar einer eigenen, flexiblen und einsatzbereiten europäischen Armee, die vor allem im Ausland zum Einsatz kommen könnte.

„Project Peacemaker – Auf der Suche nach Frieden im Nahen Osten, mit Schwerpunkt Irak, Syrien und Iran“
Referent: Simon Jacob (ehemaliger Vorsitzende des Zentralrates Orientalischer Christen in Deutschland)

Zum Ausklang des Tages und als Ergänzung zu allen vorherigen Referenten, hatte ich die Möglichkeit auf „Project Peacemaker“, die Entstehung des Projektes und die damit verbundenen Reisen mit allen Höhen und Tiefen einzugehen.
Besonders die Situation der Minderheiten in Syrien und im Irak fand das Interesse der Zuhörer. Aber auch Themen wie Extremismus und die anhaltenden politischen Umwälzungen kamen nicht zu kurz.

Am Ende wurde mir die große Ehre zuteil, von den Veranstaltern eine weitere, nach meinem Vortrag 2013 in der US – Base in Rammstein, nunmehr zweite Münze zu erhalten. Die Tradition der „Coin-Übergabe per Handschlag“ stammt aus den USA. Die Münze ist gleichsam Zeichen für Dank und Anerkennung sowie Erinnerungsstück. Pünktlich zur Reunion 2016 wurde das Design der Coins geändert; einige symbolträchtige Motive wie das Eiserne Kreuz und die drei Waffengattungen sind eingeprägt. Kenner solcher Silberstücke wissen den Wert eines solchen Geschenkes mehr als zu würdigen.

Weitere Vorträge am Sonntag waren

„Putins Abwendung von ‘strategischer’ und ‘Modernisierungspartnerschaft’ mit Europa. Konsequenzen für die deutsche Russlandpolitik?“
Referent: Professor Hannes Adomeit (Professor und Russlandexperte)

sowie

„Das Spannungsfeld politische Instabilität in der Sahelzone und die wirtschaftliche Entwicklung von Subsahara-Afrika.“
Referent: Christian Hiller von Gaertringen (Redakteur der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“)

Da ich bereits am Tag zuvor abreisen musste, war es mir nicht mehr vergönnt, auch diesen interessanten Rednern zuhören zu können.

In kameradschaftlicher Verbundenheit freue ich mich bereits jetzt auf die nächste Reunion – Veranstaltung.

Weitere Informationen zu dieser Veranstaltung und zu den Referenten können bei Dr. Bodo Kubartz eingeholt werden.

Simon Jacob, Brühl, den 19. September 2016