Hakkari – Flucht und Vertreibung aus der Heimat

Land: Türkei
Ort: Tur Abdin, Provinz Hakkari, Hassana
Datum: 05.11.2015

 

Yusuf blickt mich mit seinen tiefgreifenden, fast schon müde wirkenden Augen an und zeigt mit der Hand in eine Richtung. Tief in das Tal hinein. Zwischen den Hügeln, hier, in der ehemaligen militärischen Sperrzone in Südostanatolien, liegt seine Heimat. Seine spirituelle Heimat, wie uns der 55-jährige Wiesbadener, der 1989 nach Deutschland immigrierte, in einem akzeptablen Deutsch mitteilt. Auf der Fahrt nach Hassane, ein assyrisch-christliches Dorf, nicht weit weg von der irakischen Grenze gelegen, zeigt er uns den Ort, an dem er auf die Welt kam.
Er wechselt über zum ostsyrischen (ostaramäischen) Dialekt, auch „Madenkhaye“ genannt und beschreibt in dieser uralten Sprache seiner Vorfahren die Gegebenheiten, die ihn und andere Bewohner des Dorfes dazu gezwungen haben, über Nacht die Heimat zu verlassen. Bis in die 90er Jahre hinein herrschte eine Art Guerillakrieg zwischen dem militärischen Arm der PKK und dem türkische Militär. Die christlichen Assyrer, oder allgemein auch „Suryani/Suryoye“ genannt, wurden vom Militär gezwungen innerhalb kürzester Zeit die Häuser zu räumen. Nur das Notwendigste im Gepäck, oft Familien mit Kindern, waren sie gezwungen eine neue Bleibe zu finden. Ohne Unterstützung des Staates schlugen sich viele bis in die Großstädte durch. Viele flüchteten nach Belgien, Frankreich und eben Deutschland. So wie es Yusuf mit seinen heute erwachsenen Kindern tat.

Der ergraute Mann zeigt mir die Obstbäume, die er angepflanzt hat. Quitten, Granatäpfel, Feigen. „Hier, in diesem Tal, hat die Natur früher viele Familien ernährt“, so Yusuf. Dank des Schmelzwassers aus dem Gebirge ist das Tal sehr fruchtbar und alles gedeiht hier in Hülle und Fülle. Wenn man sich des Bodens annimmt. Die Pflege der Umgebung und des Friedhofes, der an eine uralte Kirche assyrisch-apostolischen Ursprungs angegliedert ist, gehört ebenfalls dazu. Überhaupt stelle ich erstaunt fest, dass es in diesem einst von mehreren hundert Christen bewohnten Dorf vier Kirchen gab. Eine evangelische, eine syrisch – katholische, eine chaldäische und eben eine assyrisch – apostolische, Mae Musche (Heiliger Michael), vor deren verfallenen Altar wir stehen.

Wenn man die Augen zumacht und dem Rauschen des Baches zuhört, welcher hoch oben in den Bergen seinen Ursprung hat, vermeint man fast die Stimmen der Kinder hören, die hier einst in diesem von Kinderlachen beseelten Dorf spielten. Die Gerüche der verschiedenen Früchte könnten fast zur Realität werden. Das Läuten der vielen Glocken kommt einen in den Sinn. Yusuf zeigt mir das Grab eines Freundes. Er versucht es zu pflegen. So gut wie es eben möglich ist. Verstorben am 28.08.78 steht auf dem Grab. Yusufs Freund wurde einst ermordet und dann enthauptet. „Weil man uns Christen hier nicht mochte“, so der trauernde Freund. Seine Haltung wird nun ernst. Sein Blick klar.

„Auch jetzt hat man uns gesagt, wir sollen wieder gehen“. „ Gerade erst, nachdem wir die Genehmigung erhalten hatten, zurückzukehren“.

Doch sie werden bleiben. So Yusuf und sein mindestens genauso alter Kompagnon der aus Belgien angereist ist. Gemeinsam wollen die zwei alten Männer die Kirche wieder aufbauen und ihr neues Leben einhauchen. Sie lassen sich nicht mehr vertreiben, so die beiden. Flucht und Vertreibung haben die Christen in dieser Region zu oft erlebt. Sie werden ihre angestammte Heimat nicht noch einmal verlassen. Auch wenn sie die letzten zwei assyrischen Christen von Hassane sein sollten.

Simon Jacob, Hassane, 05.11.2015