„Ich muss doch meinen Leuten helfen“

Eine Schülerin aus Rodgau reist in den Irak und dokumentiert die Verfolgung christlicher Minderheiten. Nicht jeder versteht, warum sie das Wagnis eingeht.

FAZ, 05.05.2017, von Elena Witzeck, Rodgau

Als Ninve Ermagan nach den Osterferien wieder in die Schule kommt, fragen die Klassenkameraden, wie es war. Ninve überlegt ein wenig und sagt dann, dass sie Lebensfreude und Gastfreundschaft der Menschen beeindruckend fand. Die Antwort klingt, als käme sie gerade von einem Schüleraustausch in Frankreich oder einem Sprachkurs auf Malta. Dabei meint Ermagan die Vororte von Mossul und die Flüchtlingscamps, wo sie vor allem Not, Wut und Zerstörung gesehen hatte. Aber so etwas lässt sich auf einem Schulhof eben schwer in Worte fassen.

Ninve Ermagan ist eine zierliche Achtzehnjährige mit langen dunklen Haaren, noch mehr Mädchen als Frau. Sie ist in Rodgau aufgewachsen, liest gern und interessiert sich für Politik. In einem Jahr will sie ihr Abitur machen. Ihre Eltern sind Assyrer, syrisch-orthodoxe Christen, die vor ihrer Geburt aus der Türkei nach Deutschland flohen. Sie haben der Tochter davon erzählt, wie ihre Vorfahren im Ursprungsgebiet des alten Christentums verfolgt und ihre Siedlungen zerstört wurden. Seit einigen Jahren kann Ermagan es selbst im Fernsehen und im Internet sehen, denn die Verbrechen geschehen wieder, in Syrien und im Irak.

In den Trümmern von Baghdeda

Die Idee kam ihr vor einem Jahr. Im Rhein-Main-Gebiet leben einige Assyrer, die meisten von ihnen in Wiesbaden und Mainz. Seit Beginn des Syrien-Kriegs organisieren sie Spendenaktionen und Mahnwachen, aber viel Aufmerksamkeit wird ihnen nicht zuteil. Ermagan ist Mitglied der Aktionsgruppe „Save Our Souls“, die auf die Verfolgung und Ermordung von Christen im Irak und in Syrien aufmerksam macht. Vor zwei Jahren, als die Bilder der Verwüstung in Syrien und im Irak noch ständig zu sehen waren, berührten sie die junge Frau. „Jetzt sieht man davon nichts mehr. Und wenn doch, ist man abgestumpft.“ Sie wollte wieder etwas spüren, etwas von den Erfahrungen der Minderheiten in den Krisengebieten mit nach Deutschland bringen.

Anfang April steht Ermagan in den Trümmern von Baghdeda und sieht, wie an einem Gerüst ein 20 Meter hohes Kreuz wiederaufgerichtet wird. Sie ist mit einer Organisation namens Gishru (die Brücke) in den Irak geflogen. Gishru bringt junge Assyrer an unterschiedlichen Orten auf der Welt miteinander in Kontakt, um Kultur und Identität der Glaubensgemeinschaft zu stärken, und liefert Spenden in die Krisenregionen.
Um Ermagan herum sind amerikanische, schwedische, Schweizer Assyrer, aber so jung wie sie ist niemand. Vor ihrer Reise musste sie unterschreiben, dass sie allein für ihre Sicherheit verantwortlich sei. Und ihre Eltern überreden, denn sie waren nicht begeistert, als sie erfuhren, dass ihre Tochter ohne Begleitung aus Deutschland aufbrechen wollte.

Baghdeda liegt südöstlich von Mossul in der Ninive-Ebene und heißt auf Arabisch Al-Hamdaniya. Im August 2014 eroberte die Terrorgruppe IS die assyrische Stadt und zwang die Bewohner, vorwiegend Christen, zur Flucht. Als 2016 die irakische Armee einmarschierte, flohen die IS-Kämpfer.

„Wie kann man nur die ganze Zeit alles zerstören?“

Die Gruppe, mit der Ninve Ermagan unterwegs ist, kommt an niedergebrannten Kirchen, zerstörten Schulgebäuden, verwüsteten Wohnungen vorbei, wie sie schildert. Begleitet von Soldaten der NPU, einer 2014 zur Verteidigung gegen den IS gegründeten Kampftruppe assyrischer Christen im Irak, bewegen sich die Teilnehmer dort, wo vor wenigen Monaten noch geschossen wurde. Einer der Bewaffneten in Uniform erzählt der jungen Deutschen, dass er eigentlich Lehrer ist. Der NPU-General gibt jedem der Besucher aus der anderen Welt die Hand, Ninve macht ein Selfie mit ihm.

Ninve Ermagan hat viele Bilder von ihrer Reise mitgebracht. Auf jedem einzelnen von ihnen sind Trümmer zu sehen. Einige zeigen die Trainingslager der IS-Kämpfer mit von Einschüssen durchlöcherten Hauswänden und zurückgelassenem Arsenal zum Bombenbau. Oder Häuser, die mit dem arabischen Buchstaben N für Nazarener markiert wurden: ein Ultimatum für die christlichen Bewohner, ihre Siedlungen zu verlassen. „Ich verstehe das nicht“, sagt Ermagan später, als sie ihre Bilder über einen Laptop-Bildschirm laufen lässt, in einem Eiscafé in Rodgau. „Wie kann man nur die ganze Zeit alles zerstören? Woher kommt diese Energie?“

Es gab auch Ereignisse, die haben sie erschreckt. Das arabische Neujahrsfest verbrachte die Gruppe in Dohuk in der autonomen Kurdenregion, wo die Sicherheitslage stabil ist. Zum ersten Mal nach drei Jahren, so erzählten es ihr die Bewohner, wurde dort wieder gefeiert und getanzt. Am Tag darauf fuhren die Soldaten mit den internationalen Gästen in die vom IS befreiten Vororte von Mossul. Die NPU-Kämpfer fragten alle Teilnehmer, ob sie das Risiko eingehen wollten, wie Ninve Ermagan sagt. Die letzten Angriffe lägen wenige Monate zurück, die Stützpunkte des IS sind etwa 20 Minuten entfernt. Die Schülerin stimmte zu. Als sie nachts nicht schlafen konnte, sah sie vor der Tür einen jungen Soldaten stehen. „Ich habe ihn gefragt, ob er die ganze Nacht so dastehen muss“, erzählt Ninve. „Da meinte er: ,Ja, ich wache hier.‘“
Minderheiten-Organisationen sollen sich besser vernetzen

Noch ein Gefühl hat sie mit nach Hause gebracht: Enttäuschung. In einem der Flüchtlingscamps berichteten ihr die Heimatlosen, die sie zum Tee eingeladen hatten, UN-Mitarbeiter hätten Pakete gebracht und Fotos gemacht. Dann seien sie wieder verschwunden. Auch von den kurdischen Peschmerga-Kämpfern fühlten sich die Christen im Stich gelassen. Sie hätten die Assyrer nicht rechtzeitig vor den Überfällen gewarnt, sie nicht ausreichend beschützt. Viele der Verfolgten verstünden nicht, warum sich die Christen im Westen nicht für sie einsetzten. Assyrische und aramäische Organisationen forderten seit Jahren die Einrichtung von militärisch gesicherten Schutzzonen. Und überall mangele es an Geld: für den Wiederaufbau, für die NPU-Soldaten.

Am Palmsonntag kam Ermagan zurück. In der Ninive-Ebene wurden an diesem Tag die ersten Gottesdienste in den schwarz verkohlten Kirchen abgehalten, an Altären aus Holztischen mit weißen Tüchern und Blumengestecken. Seit sie wieder in Deutschland ist, spricht Ninve von „ihren Leuten“, wenn sie von den Vertriebenen erzählt. Sie will Vorträge über ihre Erfahrungen halten und in den nächsten Ferien wieder Spenden in den Irak bringen. Die Minderheiten-Organisationen, sagt Ermagan, müssten sich künftig besser vernetzen und zusammenarbeiten. Ihr Whatsapp-Bild zeigt sie mit einem assyrischen Soldaten.

Nicht alle ihre Freunde verstehen das. „Einige finden, dass ich übertreibe“, sagt Ninve. „Dass man in dem Alter doch andere Dinge im Kopf haben müsste.“

Andere können nichts mehr mit ihr anfangen, seit sie sich so deutlich positioniert. Das sei ihr egal, sagt Ninve. „Ich muss doch meinen Leuten helfen.“ Und dann waren da noch die vielen anderen, die die mitgebrachten Bilder und Videos der Zerstörung berührten. Auf die, sagt die junge Frau, sei es ihr schließlich angekommen.

Den Artikel finden Sie auch online bei der FAZ unter folgendem Link:

http://www.faz.net/…/christenverfolgung-im-irak-ich-muss-do…

Wir danken der FAZ für die Erlaubnis, den Bericht veröffentlichen zu dürfen
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Mit ihren 18-jährigen ist Ninve Ermagan eines der jüngsten Mitglieder des Zentralrates Orientalischer Christen in Deutschland. Sie unterstützt mit ihren Sprachkenntnissen und Berichten dessen redaktionelle Arbeit. Die Wurzeln ihrer Vorfahren liegen in der Türkei.