Im Gespräch mit dem Assyrer Yonathan Bet Kolia

Land: Iran
Ort: Teheran
Datum: 28.02.2016

 

Yonathan Bet Kolia ist der Repräsentant der christlichen Assyrer im iranischen Parlament und wurde, kurz nach unserer Ankunft im Iran, wiedergewählt. Bet Kolias ursprüngliche Heimat ist der Norden des Iran, wo die assyrische Nationalbewegung ihren Ursprung hat und den Christen der Region eine nationale Identität gab, welche auf staatlicher und rechtlicher Seite anerkannt ist. Spricht man im Iran jemanden auf der Straße an und fragt diesen nach Christen, so spricht man in erster Linie über die Ethnie der christlichen Armenier, welche im Iran ebenfalls vertreten sind, und der „Assyrer“.
Die Unterscheidung zwischen einer einfachen Religionsgemeinschaft und einer Ethnie, welche eine nationale Identität aufweist, die auf staatlicher Ebene anerkannt ist, ist wichtig. Denn nur in diesem Rahmen werden ihre Rechte auch auf internationaler Ebene berücksichtigt werden.
Neben dem Iran haben auch Georgien, Armenien, Russland und der Irak die Identität der Assyrer anerkannt, die in diesen Regionen „Assuri“ genannt werden. Übrigens findet der Selbstfindungsprozess der Assyrer bereits seit 200 Jahren statt. Eines ihrer Hauptzentren ist Urima, eine Stadt im Norden des Irans die Jonathan Bet Kolias Geburtsort ist.
Im gemeinsamen Gespräch mit dem frischgebackenen Abgeordneten erfuhren wir mehr über die Entwicklungen der Gemeinden. Im Iran dürfte es noch maximal 30.000 christliche Assyrer, verteilt auf 10 Städte, geben. Religiöses Zentrum bildet nach wie vor die Stadt Urmia mit ihren unzähligen Kirchen und den umliegenden Dörfern. Teheran ist das Zentrum der politischen Aktivitäten der Assyrer, die sich in der Assyrian Universal Alliance, kurz AUA, organisiert haben.
Im Wesentlichen sichert die Organisation den Gemeinden die Möglichkeit, in Zusammenarbeit mit den Kirchen staatlich geförderten Unterricht in Ostsyrisch/Ostaramäisch zu erhalten, Messen abhalten und Feste feiern zu können usw. Hier betont Bet Kolia noch einmal, dass die Regierung den Gemeinschaften der altorientalischen Kirchen, zu denen die Assyrer gehören, sehr viele Freiheiten lässt, die staatlich nicht nur anerkannt, sondern auch gefördert werden.
Auf die Frage angesprochen, warum so viele Assyrer das Land verlassen entgegnete dieser, dass allgemein viele junge Menschen auswandern möchten. Einer der Hauptgründe sei die wirtschaftliche Lage, die besonders gut ausgebildeten Menschen zu wenig Perspektiven bietet. Hier muss gegengesteuert werden, so der Altpolitiker.
Er hofft, dass sich jetzt mit dem Fall des Embargos die Situation verbessert und vor allem ausländische Investoren in das Land kommen, um neue Idee umzusetzen. Er selber sieht viel Potential im Tourismus. Für alle, die sich für Religion und kulturelle Vielfalt interessieren, hätte der Iran sehr viel zu bieten. Wir könnten uns die nächsten Tage selber davon überzeugen.

Dies taten wir die darauffolgenden Tage auch ausgiebig.

Simon Jacob
Teheran, 28.02.2016