Nach der Wahl in der Türkei – CDU trifft Die Linke trifft HDP

Land: Türkei
Ort: Tur Abdin/ Midyat, Provinz Mardin
Datum: 02.11.2015

Eine unmögliche Konstellation? CDU und Die Linke an einem Tisch? Dazu auch noch mit der HDP mitten in Südostanatolien? Was in Deutschland wohl mit einem Stirnrunzeln aufgenommen worden wäre, ereignete sich tatsächlich am gestrigen Tag, dem Tag nach den Wahlen, in der Parteizentrale der pro –kurdischen HDP in Midyat, einer Kreisstadt in der Provinz Mardin, in der die HDP über 80 % der Stimmen auf sich verbuchen konnte. Was auch nicht verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass 90% der in dieser Region lebenden Türken der kurdischen Ethnie angehören. Bevor ich nun auf die eingangs erwähnte Konstellation eingehe, ein paar Worte zur eigentlichen Wahl und dem für viele doch überraschenden Ergebnis.
In Marmaris, eine Region in der traditionell die säkulare CHP stark vertreten ist, durfte ich das Gespräch mit jungen Türken führen. Viele von ihnen sind gut ausgebildet, weltoffen und betrachten die Religion eher als spirituellen Teil ihres Daseins. Und diese jungen Menschen, die man eher dem Lager der CHP zugschrieben hätte, haben aller Wahrscheinlichkeit nach auch sehr oft die AKP gewählt. Das „Warum“ ist schnell beantwortet. Aus der Perspektive eines jungen „Türken“ betrachtet, oder auch eines Bürgers, der der rechten MHP nahe steht, ist die Türkei von Feinden umzingelt. Der Westen, angeführt von einer zionistischen Geheimmacht, möchte die Türkei am Boden halten. Der IS im Süden, mit arabischer Unterstützung, würde am liebsten die Türkei überrennen. Die Kurden, und mit ihnen besonders die PKK, werden mit der HDP gleichgesetzt. Alle die gegen den türkischen Staat sind wären Terroristen. Inklusive der YPG – Kampfeinheiten im Norden Syriens, welche den IS davon abhalten, bis an die türkische Grenze vorzustoßen. Aus der Perspektive dieser jungen Menschen betrachtet, säkular eingestellt, ist man nur noch von Feinden umgeben. Und Tatsache ist, und das ist etwas das der Westen immer wieder nicht zu verstehen vermag, dass in solchen Zeiten eine starke Führungsfigur ausschlaggebend ist. Unabhängig welcher Partei diese angehört. Sie könnte, so die Vermutung, der Garant von Sicherheit und Frieden sein. Geschürt durch die Medien, welche teilweise doch sehr einseitig berichteten, wurde genau dieses Bild geschürt. Gepaart mit ein paar Verschwörungstheorien, die für den Westler krude erscheinen, aber im orientalischen Raum durchaus als legitim betrachtet werden.

Der Sieg ging, und es war ein demokratisch gewählter Sieg, auch wenn man von Ungereimtheiten spricht, mit einer klaren Mehrheit an die AKP. Das sind Fakten, die es nun einmal zu akzeptieren gilt. Dass der Vielvölkerstaat Türkei unter Spannungen steht, polarisiert durch einen hitzigen Wahlkampf, steht außer Frage. Und innerhalb dieser toxischen Spannungen, gepaart mit einer Prise Verschwörungstheorien, haben es die anderen Parteien nicht geschafft, der gespaltenen Bevölkerung die Angst zu nehmen. Die HDP, für viele Hoffnungsträger in Bezug auf die Menschenrechte in der Türkei, ist gerade noch über die 10 % Schwelle gekommen. Und dies war auch ein sehr wichtiger Sieg. Trotz dessen dass man im Verhältnis zu den letzten Wahlen Verluste erlitten hat.
Wichtig deswegen, weil gerade durch die HDP Minderheiten wie Christen oder Jeziden eine Stimme erhalten. Und so kam es auch, dass ich in Midyat, in der HDP Zentrale, Erol Dora (Rechtsanwalt), Angehöriger der Ethnie der christlichen Suryani (türkisch) / Suryoye (auch als Assyrer, Aramäer und Chaldäer bezeichnet), Ali Atalan (Politikwissenschaftler), Deutsch – Jezide und Mitglied der Linken sowie Yalcin Sacik (Unternehmer), Deutsch – Jezide und Mitglied der CDU Hamburg traf. Der Jurist Erol Dora und der Endvierziger Ali Atalan, der in Deutschland in Bochum Politikwissenschaften studiert hat, schafften es ins türkische Parlament. Gerade diese Tatsache ist eine Entwicklung, die Europa im Zuge eines Beitrittsverfahrens interessieren sollte. Im Gespräch mit allen drei Mitgliedern der HDP wurde diese Tatsache noch einmal betont. Die aktuellen Ergebnisse, so die Vertreter der HDP und frische gebackenen Parlamentarier, sollte die AKP als Anlass nehmen, mit allen vernünftigen Kräften die Einheit zu suchen. Das Kurdenthema darf dafür nicht mehr instrumentalisiert werden. Für Frieden und Menschlichkeit gibt es nur einen Weg. Den des Dialogs, so Atalan, Saci und Dora einvernehmlich. Die gesamte, sehr vielschichtige Bevölkerung der Türkei, würde weiterhin darunter zu leiden haben. Die Türkei bräuchte nun eine Zeit der Stabilität. Nicht nur wirtschaftliche Themen gilt es anzugehen, sondern auch sicherheitsrelevante Entscheidungen, die Europa und den gesamten Nahen Osten betreffen. Der IS ist nicht weg. Der Irak ist nicht gerade ein Hort der Stabilität.

Auf meine Frage hin, wie es zu dieser ungewöhnlichen Konstellation kommt, werde ich darüber in Kenntnis gesetzt, dass der Wille zu Frieden und Menschlichkeit keine parteipolitischen Barrieren kennt.

Ich verlasse die HDP Zentrale, inspiriert von dem Gedanken, dass es auch in Deutschland zu so einem parteiübergreifenden Dialog kommen sollte, wenn es um die Bewältigung politischer Hürden geht.

Simon Jacob

English Version

to come at Globalo

English Version

to come at Globalo

Spendenaufruf

Das Projekt Globalo Youth Peacemaker-Tour, welches sich über maximal sechs Monate erstreckt, hat einen Finanzierungsbedarf in Höhe von ca. 30.000,- €. Neben dieser geringen Summe ist es unsere Ausbildung in Europa, die Entschlossenheit und der Glaube an die Vernunft im Menschen, die uns dazu bewegt, so etwas zu tun. Für dieses Projekt habe ich meinen hochbezahlten Managerposten in einem Großkonzern aufgegeben. Ehrenamtliche Helfer investieren ihre Zeit, um das Projekt realisieren zu können.

Helfen Sie uns jetzt mit einer kleinen Spende, um das Budget in Höhe von 30.000,- €, welches im Verhältnis zur Größe des Projektes wirklich minimal ist, realisieren zu können.

Eine Spendenquittung kann ausgestellt werden.

Paypal: donation@peacemaker-tour.com
Jetzt einfach, schnell und sicher online bezahlen – mit PayPal.

Spendendaten

Bankdetails:
Simon Jacob – Projekt: Peacemaker 2015
IBAN: DE11 7205 0000 0001 5506 31
BIC: AUGSDE77XXX
Konto: 1550631
BLZ: 72050000
Bank: Stadtsparkasse Augsburg