Nechivan, ein normaler kurdischer Junge             english version

Land: Irak
Ort: Autonomieregion Kurdistan – Grenzübergang Irak – Syrien
Datum: 26.12.2015/Fush Khabour

Mehrere Jahre ist es nun her, dass ich den Grenzübergang nach Syrien über die irakische Grenze im Norden passierte. Seitdem ist es zur Routine geworden. Die offizielle Genehmigung der Behörden vorausgesetzt, stürzte ich mich in ein journalistisches Abenteuer nach dem anderen. Das Reisen in solche Regionen ist natürlich mit Gefahren verbunden. Doch nicht nur für mich und mein Team, sondern auch für die Menschen, die in diesen Regionen leben.
Trotzdem oder gerade weil jederzeit irgendwo in der Nähe eine Bombe hochgehen kann, ein Anschlag verübt wird oder der Krieg plötzlich sehr nahe ist, haben junge Menschen Träume.
Sie suchen ihren Platz in einer Region, die für die meisten Europäer mit Chaos, Gewalt und Verwirrung gleichgesetzt wird. Doch dass dem nicht so ist, zeigen mir immer wieder die wundervollen Begegnungen, die ich im Besonderen mit jungen Menschen aus der Region mache.
Aus den Begegnungen entstehen Gespräche, aus den Gesprächen Freundschaften.

Als ich das erste Mal Nechivan am Grenzübergang traf muss er um die 23, 24 Jahr alt gewesen sein. Ich diskutierte gerade mit den Mitarbeitern über die erteilte Genehmigung meinen Kameramann über die Grenze mitnehmen zu dürfen. Ein junger Mann kam ins Zimmer, Nechivan, und fragte auf Deutsch woher ich komme. Überrascht dass ich auf Deutsch angesprochen wurde, kamen Nechivan und ich ins Gespräch.
Es stellte sich heraus, dass der junge Mann einige Monate bei seinen Verwandten in Deutschland verbracht hat und seit dem mit diesen im regen Austausch steht, um sein Deutsch zu verbessern. Ich hatte das Gefühl, dass es dem jungen Mann einfach Spaß machte sich mit mir in Deutsch zu unterhalten. Wir tranken Tee zusammen und er begleitete mich zur Fähre, die mich über den Fluss nach Syrien brachte. Einige Tage später kam ich zurück. Sehr müde und alleine, mein Kamerateam hatte mich bereits zuvor verlassen, und setzte mich erst einmal auf eine Bank im Transitbereich.
Ich wollte mich zunächst ausruhen und einfach ein bisschen zur Ruhe finden.
Da hörte ich von weitem jemanden meinen Namen rufen:

„Simon, Simon….. Du bist wieder da.“

Es war Nechivan, der mich scheinbar aus dem Büro sah und auf mich zugerannt kam. Offenbar bemerkte dieser die Strapazen die ich hinter mir hatte und so riss er mir förmlich meine Einreisepapiere aus der Hand, um sich persönlich um den Transit zu kümmern.

„Ruh Dich aus. Ich mache das schon,“ waren seine Worte. Nur um mich im nächsten Moment, nach erledigter Arbeit, zu einem zuckersüßen Tee einzuladen.

Mit der Zeit wurde der Tee zur Routine und es freute mich immer wieder in das freundliche Gesicht eines Mannes zu blicken, der sich im Deutschen versuchte und eine immense Freude empfand, sich mit mir auszutauschen. Mehr als das Gespräch mit Politikern oder Geistlichen lernte ich die Unterhaltungen mit ihm zu wertschätzen. Denn er redete frei aus der Seele heraus. Ohne sich Gedanken darüber zu machen, ob er nun im politischen Rahmen falsch oder richtig wahrgenommen wird. Und so kam es, dass ich Nechivan bei meinem letzten Grenzübertritt im Dezember letzten Jahres (2015) um ein Interview bat. Er sagte zu und wir führten unser Gespräch, bei einem zuckersüßen Tee, in einem Restaurant in Transitbereich fort.

Zu der Zeit war er bereits 26 Jahre alt und sein Deutsch hatte sich während der letzten Jahre immens verbessert.
Er erzählte mir viel über seine Verwandten in Deutschland und das Leben hier im Norden dieses vom Bürgerkrieg heimgesuchten Landes. Jederzeit bereit zu fliehen, wenn es denn sein muss. Doch mehr berichtete er mir über seine Freunde. Christen, Jesiden, Muslime. Ihm schien es so wichtig mir mitzuteilen, dass er einer Generation angehört, welche den Menschen als Menschen betrachtet. Und diesen nicht nach seiner religiösen oder ethnischen Zugehörigkeit definiert. Er möchte für sich und seine zukünftige Familie eine Zukunft haben. Bildung gehört dazu. Von anderen zu lernen gehört dazu. Aber dazu benötige man Sicherheit, so der junge Mann. Und dann fängt er an zu schmunzeln, als er von seiner Freundin berichtet.
Ein bisschen schelmisch grinsend sagt er mir:

„Weißt Du, früher konnte man keine Freundin haben. Öffentlich mit ihr ausgehen. Aber mir ist es egal. Ich mache es, weil es für mich wichtig ist. Wir müssen uns entwickeln. Und das gehört dazu.“

Ich glaube, schöner hätte kein Politiker definieren können was Fortschritt bedeutet.
Als er mir das sagte, strahlte dieser junge Mann. Als er die Zukunft seiner Generation vor sich sah: Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann, Bildung, gemeinsames Zusammenleben mit Ethnien und Religionen. Und immer wieder betonend, dass Sicherheit für alle wichtig ist. Denn ohne Sicherheit gäbe es keine Zukunft.

So unbefangen kann kaum ein Politiker mit mir reden.
Nechivan hat mich beeindruckt.
Und ich bin mir sicher, nicht nur mich.

Es macht Sinn jungen Menschen wie ihm mehr zuzuhören.
Ihnen Gehör zu verschaffen hilft auch uns in Europa, Licht in einer von Dunkelheit bedrohten Region zu entdecken.

Simon Jacob, Fush Khabour

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