Land: Deutschland
Ort: Ellwangen
Datum: 11.10.2016

Aktuelle Situation und Perspektiven für den Nahen Osten

Auf Einladung des Reservistenverbandes und der Sektion Ost-Württemberg der Gesellschaft für Sicherheitspolitik referierte Simon Jacob, Initiator der Peacemaker-Tour, in der Reinhart-Kaserne in Ellwangen vor hochrangigem Militär über die aktuelle Situation im Grenzgebiet von Türkei/Irak/Syrien.

Jacob, der aufgrund der türkischen Repressalien gegenüber der christlichen Bevölkerung als Kind mit seinen Eltern nach Deutschland immigrierte, spricht nicht nur fließend aramäisch, sondern bereist auch seit vielen Jahren die Krisengebiete im Nahen Osten. Seine immer noch vorhandenen verwandtschaftlichen Bindungen und damit die Zugehörigkeit zu einer der dortigen Clanstrukturen, ermöglichten ihm es Gebiete zu bereisen, die westlichen Berichterstattern nur schwer oder gar nicht zugänglich sind.

Dies spiegelte sich in den zahlreichen Videos und Interviews wider, die er sowohl mit kurdischen Peshmergas als auch mit Vertretern der verschiedenen Parteien wie der SUP – Syrian Union Party oder dem SDF – Syrian Democratic Forces führte. Dies ist ein Zusammenschluss verschiedener Kampfeinheiten im nordsyrischen Raum. Ihr Hauptziel ist der Kampf gegen den Islamischen Staat: Dieser von den NATO-Partner Frankreich, Großbritannien, Deutschland und Amerika unterstütze Zusammenschluss setzt sich aus Einheiten der kurdischen YPG und ihrem weiblicher Pedant, der YPJ, christlichen MFS – Syriac Military Council (Eigenbezeichnung – Suryoye oder auch Assyrer, Aramäer, Chaldäer genannt), mehreren sunnitisch arabischen Stämmen und Teilen der FSA – Freien Syrischen Armee zusammen. Als Colonal Tala, Sprecher der SDF im Dezember 2015 auf einer medienwirksamen Pressekonferenz den Vormarsch auf die Vororte von Raqqa verkündete, war Jacob als einziger westlicher Journalist anwesend.

Im Besonderen sein Bericht über die Region Sindschar, die er mit Hilfe von jezidischen Kampfeinheiten besuchen konnte, stieß bei den rund 50 Gästen auf große Aufmerksamkeit. Die Bilder der zerbombten Hauptstadt der Jeziden , die von den Alliierten aus der Luft zusammen mit den einheimischen Kampfeinheiten am Boden aus strategischen Gründen im Kampf gegen den IS zerstört wurde, erinnerten an das zerstörte Dresden im Zweiten Weltkrieg. Kaum ein Stein steht dort mehr auf dem anderen. Die Grausamkeit des IS gegen diejenigen, die nicht seiner rückwärtsgewandten, wahabitisch geprägten Ideologie Saud Arabiens folgen, zeigte sich in den Bildern der Massengräber der Jeziden, in denen überwiegend die sterblichen Überreste junger Frauen und Kinder zu finden sind. Diese wurden auf bestialische Weise abgeschlachtet. Den Kindern wurde der Kopf mit dem Gewehr vom Kopf geschlagen, weil sie den Schergen des Islamischen Staates nicht einmal eine Kugel wert waren. Ein Vorgehen, das an das Nazi-Regime im Dritten Reich erinnert.

Für den Zulauf des IS gab es in den Augen Simon Jacobs mehrere Gründe. Einer der Hauptgründe ist die demographische Entwicklung im Nahen Osten, mit der die wirtschaftliche Entwicklung nicht mithalten konnte. Einem jungen Mann ist es erst gestattet eine Familie zu gründen, wenn er die finanziellen Mittel dazu hat. Diese stehen den meisten aber auf Grund der aktuellen Lage nicht zur Verfügung. Die daraus resultierende sexuelle Frustration und die Aussicht beim IS eine Frau oder zumindest eine Sexsklavin zu erhalten, um seine sexuellen Gelüste ausleben zu können, treibt viele zum IS. Hinzu kommen aber auch deren Soldzahlungen. Ein dritter wichtiger Grund ist das Gefühl Macht zu haben, die in jeder Hinsicht ausgelebt werden kann. Dennoch stuft Simon Jacob die Al-Nusra-Front als gefährlicher ein, denn die Unterstützer dieser Organisation kämpften nicht für Geld, sondern aus ideologischen Gründen. Der starre Blick des Westens auf den IS lasse die Al Nusra im Hintergrund bereits gefährlich erstarken.

Dass es gerade die Frauen am härtesten trifft, liege an den patriarchalischen Clanstrukturen, die die Frau nicht als gleichberechtigtes Wesen betrachten, sondern auf einen Gegenstand, genauer gesagt auf die Mutter, die Tochter, die Ehefrau reduzieren. Doch gerade viele der jungen Frauen im Nahen Osten sind nicht mehr gewillt, dies zu akzeptieren. Sie nehmen ihr Schicksal in die eigene Hand und haben sich zu Frauenmilizen zusammengeschlossen, die gegen den IS kämpfen. Doch es ist nicht nur ein Kampf gegen diesen, sondern eine Auflehnung gegen das Patriarchat im Allgemeinen. Einen dauerhaften Frieden im Nahen Osten wird es erst geben, wenn eine Gleichberechtigung von Mann und Frau gegeben ist. Aber auch der Westen ist gefordert, mit Wirtschaftsförderung und Ausbau der Bildungsangebote die wirtschaftliche Situation zu stabilisieren und zu fördern. Damit die Menschen eine Perspektive habe in ihrer Region zu bleiben beziehungsweise wieder zurückzukehren.

Daniela Hofmann