Land: Deutschland
Ort: Düsseldorf, koptisch-orthodoxe Gemeinde
Datum: 12.11.2016

Project Peacemaker – Die aktuelle Lage im Nahen Osten

Auf Einladung der koptisch-orthodoxen Gemeinde in Düsseldorf und dem ASG Bildungsforum berichtete Simon Jacob, Vorstandsmitglied von Project Peacemaker e.V. und Friedensbotschafter des Zentralrates Orientalischer Christen in Deutschland über die Peacemaker-Tour, die ihn auch in die Krisengebiete des Nahen Osten führte.

Die gut besuchte Veranstaltung in der Bunkerkirche stieß erfreulicherweise auch bei der Politik parteiübergreifend auf reges Interesse. So zeigten sich die Bundestagsabgeordnete Sylvia Pantel, die auch Mitglied im Menschenrechtsausschuss ist, die Landtagsabgeordnete Marion Warden, der erste Bürgermeister Friedrich Conzen, sowie Guiseppe Saitta, Vorsitzender der Bezirksvertretung und Axel Warden, Mitglied der Bezirksvertretung von den Bildern und Berichten sichtlich beeindruckt. Ein großer Dank gebührt Christian Gerges, Mitglied des ZOCD, für seine tatkräftige Unterstützung.

Das besondere Augenmerk in diesem Vortrag galt der Türkei, der Kriegsregion Nordsyrien/Nordirak sowie der Rolle der Frau, die ihr von dem dort vorhandenen patriarchalischen System zugewiesen wird.

Der Beginn seiner Reise führte Simon Jacob in die Türkei, die er zunächst der Ägäisküste folgend bereiste, um sie dann von West nach Osten in Richtung Tur Abdin zu durchqueren. Dort führte er nicht nur Gespräche mit Geistlichen, und Politikern, sondern beobachtete auch die Wahlen vor Ort. In den vielen Gesprächen stellte er fest, dass in der Türkei ein großes Angstpotential aufgebaut wurde: Angst vor den Kurden, die fast schon allesamt unter den Generalverdacht des Terrorismus gestellt werden, die Angst davor, von Feinden umgeben zu sein. Dies hat zur Folge, dass sich viele türkische Staatsbürger einen starken Mann an der Spitze des Staates wünschen. Die dem Putsch im Juli 2016 folgenden Ausnahmeregelungen jedoch, die zur Einschränkung der Presse-und Meinungsfreiheit, Verfolgung und Verhaftung politischer Gegner und Entlassung tausender Bediensteter im Bildungswesen führten, zeigen ein Wegdriften von demokratischen Werten hin zum Autoritarismus. Unter diesem haben nicht nur die Kurden, sondern auch die Christen und andere religiöse Minderheiten zu leiden. An dieser Stelle muss die Frage erlaubt sein, wie lange Europa dem noch tatenlos zusehen will. Zumal die Türkei auch eine nicht unwichtige Rolle beim Kampf gegen den IS spielt, der im Grenzgebiet zum Irak und Syrien besonders von kurdisch geführten Kampfeinheiten geführt wird. Dass die SDF – Syrian Democratic Forces, ein Verbund dem kurdische und christliche Einheiten ebenso angehören wie ehemalige Soldaten der Freien Syrischen Armee FSA und Mitglieder sunnitisch-arabische Stämme, von den alliierten NATO-Partnern Deutschland, Amerika, Frankreich und Großbritannien unterstützt werden, gleichzeitig aber von dem zweitgrößten NATO-Mitglied Türkei aus Angst vor einem eigenständigen kurdischen Staat bekämpft werden, sei ein Unding, so Jacob.

Mittlerweile haben sich auch kurdische und christliche Frauen-Milizen den Kämpfern angeschlossen. Ebenso gibt es Jezidinnen, die zur Waffe greifen und die männlichen Truppen tatkräftig an der Front unterstützen. Waren es doch gerade die Frauen, auf die es der IS zu Beginn besonders abgesehen hatte. Damit hat er sich zum einen die Mütter der zukünftigen Dschihadisten „gesichert“, die nichts anderes kennen werden, als die grausame und brutale Ideologie des IS, die für sie die „normale“ Welt sein wird. Zum anderen hat er aber damit auch das Patriarchat in den Händen, für die die Frau zwar kein gleichberechtigtes menschliches Wesen ist, aber als Ehefrau, Mutter oder Tochter die Ehre des Clans hochzuhalten und diese nicht zu beschmutzen hat, erklärte Simon Jacob. Die Gewalt richte sich zuerst gegen sie, weil der männliche Teil der Gesellschaft, bedingt durch das Ehrempfinden, gerade dadurch gebrochen werden soll.

Diese Frauen kämpfen nicht nur gegen den IS, sondern auch um eine gleichberechtigte Stellung in der nahöstlichen Gesellschaft. Der gesamte Nahe Osten könne durch das dann freigesetzte geistige Potential der Frauen nur profitieren. Nach Meinung von Nilifer Koc, Repräsentantin des Kurdischen Nationalkongresses (KNK) in Brüssel mit der Simon Jacob ein Interview führte, führt der Weg zum Frieden in der Region nur über eine gestärkte Rolle der Frau. Dies muss jedoch einhergehen mit einer Auseinandersetzung mit dem politischen Islam, einer Bildungsoffensive sowie wirtschaftlichen Impulsen. Nur so könne man die Menschen in ihren angestammten Regionen halten und Flüchtlinge bewegen, wieder in ihre Heimat zurückzukehren und einen Wiederaufbau zu wagen.

Daniela Hofmann