Land: Schweiz
Ort: Zürich
Datum: 08.04.2017

Reformation und Frieden – Frieden bedingt „menschlicher“ Sicherheit

Zum ersten Mal in meinem Leben hielt ich einen Vortrag, in dem ich mich mit der Frage auseinandersetzen musste, ob die Verteidigung des eigenen Lebens und der Familie gerecht ist oder wir das, was passiert, zu akzeptieren haben. Es wurde sogar die These in den Raum geworfen, dass jede Art von Verteidigungshaltung eine Art Angriff und damit einhergehend, verbunden mit christlichen Grundsätzen, nicht vertretbar sei.

Und diesen Zusammenhang und für mich teils sehr philosophischen Konsens muss man erst verstehen, damit ein Debatte geführt werden kann, die definitiv eine Berechtigung hat, aber in der Form auch nur in Zentraleuropa stattfinden kann. So wie bei dieser Tagung, bei der es um das Thema „Gewaltenteilung als ethische Herausforderung“ ging.

Die reformierte Kirche – Kanton Zürich und die „Konferenz der Mennoniten der Schweiz“ luden mich zu einer eintägigen Diskussionsrunde ein, an der hochkarätige Referenten teilnahmen. Allerdings alles Vertreter einer evangelischen Strömung. Mit meiner Person als Ausnahme. Ich gehöre der Syrisch – Orthodoxen Kirche an und einige meiner Verwandten führen momentan in Nordsyrien und im Nordirak einen Verteidigungskrieg gegen den IS und andere extremistische Gruppierungen. Vor ein paar Monaten war ich noch vor Ort und berichtete in einer ARD – Reportage über die aktuelle Situation. In diesem Zusammenhang kann man durchaus sagen, dass meine Anwesenheit im Raum, welcher mit zahlreichen Besuchern gefüllt war, als diskussionswürdige Komponente erachtet werden konnte.

Um die christlich – philosophische Bedeutung der Debatten zu verstehen, mit dem bedingungslosen Pazifismus im Mittelpunkt, ist es zunächst wichtig, die historischen Bezüge zu den beiden Veranstaltern zu verstehen, die mich nach Zürich eingeladen hatten.

Der erste Gastgeber, die Evangelisch – Reformierte Landeskirche des Kantons Zürich, ist eine der ältesten reformierten Kirchen weltweit, und führt ihre Gründung auf den Luther – Fan und Reformer Huldrych Zwingli zurück, der sich auch des kriegerischen Aktes bediente, um seine Sichtweise des Glaubens durchzusetzen. Calvin und Bullinger, zwei gewichtige Theologen und Zuhörer Zwinglis, setzten Maßstäbe im Protestantismus. Besonders Calvin trug dadurch maßgeblich zu einem Wirtschaftswachstum bei, welches beispielsweise in den USA neoliberales Wirtschaftsdenken geprägt hat. Die Pilgerväter, auch „Puritaner“ genannt, waren mit die ersten englischen Siedler in den USA, damals Neuengland, die in der US Folklore etwa in Hinblick auf das „Thanksgiving“ Fest eine herausragende Rolle spielten. Sie implementierten den Gedanken einer freien und staatunabhängigen Demokratie, verbunden mit ehrlicher Arbeit und der daraus resultierenden Chance eines jeden Einzelnen, durch Fleiß materiell nach oben zu kommen. Sofern es Gott gefällig ist.

Den zweiten Gastgeber, die „Mennoniten“, würde man heute als evangelische Freikirche bezeichnen, die ihre Wurzeln in der Täuferbewegung der Reformzeit hat. Deswegen ist auch der Begriff „Täufer“ für die Mitglieder der mennonitischen Kirche geläufig. Historisch sind die Mennoniten eng mit der von Pazifismus geprägten Glaubenslehre der Hutterer und der Amish verwoben.
Gerade wegen ihres Pazifismus, der Ablehnung des Absolutismus – Kirche und Staat galten als hierarchische Machtfaktoren – aber auch wegen der Entscheidung, sich erst dann taufen zu lassen, wenn die zu Taufenden sich bewusst für den Glauben entschieden haben, führten dazu, dass die Mennoniten einer massiven Verfolgung ausgesetzt waren. Viele wanderten in die USA und nach Südamerika aus und fanden z.B. in Pennsylvania eine neue Heimat.

Das Interessante dabei ist, dass beide Strömungen anfangs deutliche Gemeinsamkeiten aufwiesen. In den 20ern des 16. Jahrhunderts stachen dann allerdings die Unterschiede dermaßen hervor, dass eine Trennung stattfand. Und nun folgte gleichzeitig etwas, das für mich paradox erschien: die Verfolgung der „Täufer“ nicht nur durch die katholische Kirche, sondern auch durch die Reformierten (Zwingli, reformierte Kirche) selber, die auch Gewalt als Mittel zum Zweck nutzen. Viele „Täufer“ verloren damals ihr Leben und der große Reformator Zwingli beschimpfte die Täuferbewegung in seinen Briefen.

Zurück in die heutige Zeit versetzt stand ich nun zwischen zwei Strömungen einer christlichen Bewegung, die beide den Frieden als zentralen Mittelpunkt betrachten. Die Philosophie der einen Richtung (Mennoniten) aber völlige Gewaltlosigkeit fordert, während die andere Richtung (Reformierte Kirche Zürich) auf einen Gründer zurückblickt, der Krieg führte, um Frieden erreichen zu können.

In Anbetracht der Situation, dass ich in den letzten Jahren erlebt habe was Krieg und Verfolgung bedeuten, gerade wenn es um meine christlichen Mitschwestern und Mitbrüder in Syrien und im Irak geht, fiel es mir schwer einen Grund zu erkennen, weshalb sich Christen nicht verteidigen dürften. Bei meinem Vortrag war ersichtlich, dass ich die Verteidigung des Lebens, welches den Christen „heilig“ ist, als Pflicht betrachte. Dies ausgehend vom Standpunkt des moralisch im westlichen Kontext ausgebildeten Soldaten und des Christen, der ich nun einmal auch bin.
Schnell kamen wir bei der Frage an, weshalb sich Menschen überhaupt Milizen anschließen, wenn die Sicherheit eines Landes oder einer Gemeinschaft doch durch staatliche Institutionen gesichert ist. Und hier gerieten wir an einen zentralen Punkt, dessen Verständnis aufgrund der verschiedenen Erfahrungen nicht unterschiedlicher sein könnte.

Hierzu legte ich ein Beispiel an den Tag, welches ich am Abend zuvor in einer belebten Straße in der Züricher Altstadt gemacht hatte. Ich wollte mir die wunderschönen Gassen ein bisschen ansehen und schlenderte mit einer altmodischen Karte in der Hand eine kopfsteingepflasterte Straße entlang. Konzentriert auf meinen Weg merkte ich, wie sich mir ein Paar näherte. Instinktiv richtete ich mich auf, ging in eine stramme Haltung über und war darauf gefasst, angegriffen zu werden. Es war nichts weiter als ein Reflex, bei dem ich mir nichts dachte. Das Paar hielt an, blickte mich ein bisschen unsicher an und fragte mich, ob man mir bei der Suche nach dem Ort, den ich suchen würde, helfen könnte.

Natürlich wollte mich niemand angreifen. Und selbst wenn dem so gewesen wäre, so hätte ich auch die Polizeibeamten verständigen können, die in der belebten Straße Präsenz zeigten. Nur, so stellte sich mir die Frage, warum verhielt ich mich so?

Die Antwort ist einfach und schwerwiegend zugleich.
In einer Region, in der Sicherheit durch einen Sicherheitsapparat gewährleistet wird, welcher mich auch ohne ein Vergehen einsperrt anstatt mich zu schützen, werden die Menschen misstrauisch und wehren sich auch. Das Vertrauen in die Sicherheit ist nicht da und Angst erfüllt unser Leben. Auch vor dem Staat.

Lebe ich dagegen in einem demokratischen System, so wie z.B. in der Schweiz, erlebe ich ein Sicherheitssystem, welches „menschlich“ ist und nicht durch Einschüchterung einen Machtanspruch erhebt und das gültige Recht durchsetzt.

Das Sicherheitssystem, z.B. vertreten durch einen Polizisten in Zürich, setzt das Recht durch, indem es auch meine Menschenrechte als Individuum schützt und gegebenenfalls bereit ist, meinen Schutz durch die Waffe zu gewährleisten, die dieser mit sich trägt.

In beiden Fällen sind die Sicherheitsbehörden bewaffnet.
Der Unterschied ist, dass der Eine mich tatsächlich, aus einem humanistischen Blickwinkel betrachtet, schützt.
Der Andere die Angst nutzt und als Mittel zum Zweck einsetzt, um mich gefügig zu machen.

In beiden Fällen ist das Resultat Frieden.
In einem der beiden Fälle ist es ein Friede in einem Gefängnis.

Entsprechend gibt es keinen „menschlichen“ Frieden ohne Sicherheit.
Sicherheit gibt es nicht, wenn man als letzte Konsequenz nicht bereit ist, eine Waffe einzusetzen, die man mit sich trägt.

Am Ende der Tagung warf der Referent Dr. Jean Daniel Strub, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Wissenschaftspolitik beim Rat der Eidgenössischen Technischen Hochschule, ein Argument ein, welches solche Überlegungen eines Tages überflüssig macht.
Er referierte auch über die Technisierung und Automatisierung des Kriegs durch die Robotik in Form von Drohnen. Hinter der Robotik steckt aber auch zukünftig eine „KI“ – Künstliche Intelligenz, die entscheiden wird. Und dies basierend auf einen Algorithmus, den ein Mensch irgendwann einmal geschrieben hat, den eine Künstliche Intelligenz aber auch verändern kann.

Die Frage wird sich dann in der Zukunft stellen, und das ist gar nicht so abwegig, ob Künstliche Intelligenz unsere Sicherheit später besser gewährleisten kann oder völlig empathielos Menschen in einem kriegerischen Akt vernichtet.

Simon Jacob, Zürich 08. April 2017