„Sykes-Picot wird sich nicht halten“ – Im Gespräch mit Sharbil Matty

Als sich der Niedergang des Osmanischen Reiches abzeichnet, entschieden die Regierungen Großbritanniens und Frankreichs in einem geheimen Abkommen am 16. Mai 1916 über die Aufteilung der Interessensgebiete des Nahen Ostens. Später wurden auch Italien und Russland mit eingebunden. Als das russische Zarenreich auf Grund der Oktoberrevolution 1917 nicht mehr berücksichtigt wurde, gelangten Teile des Abkommens, das von dem Franzosen Francois Georges-Picot und dem Engländer Mark Sykes im November 1915 ausgehandelt worden war, an die Öffentlichkeit. Trotz der daraus resultierenden Unruhen im arabischen Raum wurden diese willkürlich gezogenen Grenzen durchgesetzt, die von nun an ganze Stämme und Völker trennten. Die Kurden, denen man anfangs Autonomie versprach, gingen leer aus und verloren ihren Anspruch auf die eigene Unabhängigkeit. Die damals gezogenen Grenzen existieren noch heute und sind mit ein Grund für die anhaltenden Spannungen und Kriege in der Region.

Einen Einschätzung der aktuellen Lage gab der im Irak lebende Sharbil Matty, Direktor von Suroyo TV Irak, bei Gesprächen am Rande des Vortrages von Simon Jacob über die geopolitische Situation in Syrien und Irak bei der Gesellschaft für Sicherheitspolitik in der Kaserne in Ellwangen.

Ein besonderes Interesse galt dabei den Kämpfern der kurdischen Peshmerga, die von der Bundesregierung u.a. mit Milan-Raketen und G36 Sturmgewehren ausgerüstet wurden. Matty bestätigte dabei, dass der Umgang den Waffen sehr sorgfältig sei und man diese nicht auf dem Schwarzmarkt bekäme. Besonders wichtig im Kampf gegen den IS seien die Lenkraketen gewesen, von denen sich die Peshmerga mehr wünschten. Sie kamen gegen Selbstmordattentäter zum Einsatz, die mit sprengstoffgefüllte gepanzerte Fahrzeuge in die Stellungen der Peshmerga zu lenken versuchten, um diese in die Luft zu sprengen. Der Einsatz der Milan hat hier das Leben vieler Menschen gerettet. Aber auch nach Rückzug des IS aus weiten Teilen bräuchten die Kämpfer Unterstützung. Da dieser die aufgegeben Gebiete vermint hat, sei jetzt die Entsendung von Räummitteln extrem wichtig, um nicht nur die Soldaten, sondern auch die zurückkehrende Zivilbevölkerung zu schützen. Da diese teilweise noch nicht in die befreiten Gebiete aufgrund der Minen zurückkehren könnten, gäbe es anschwellende Streitigkeiten zwischen den Kurden und den Rückkehrern. Dies versuchten extremistische Flügel der unterschiedlichen Ethnien auszunutzen, um eigene Machtinteressen durchzusetzen.

Mattys Meinung nach wird sich das Gesicht des Nahen Ostens stark verändern und sich künftige Grenzen zum einen anhand natürlicher geographischer Gegebenheiten, zum anderen aber auch anhand der verschiedenen dort lebenden Ethnien orientieren. Ob sich Einzelstaaten oder Autonomieregionen bilden werden, sei abzuwarten. In wie weit diese Grenzziehungen weiteres Blutvergießen mit sich bringen werden, muss die Zukunft zeigen. Eine der großen Unbekannten sei die Türkei, die als NATO-Partner immer weiter von den demokratischen Grundprinzipien der UN Charta abweicht. Es ist zu hoffen, dass sich die Beteiligten zum Wohle der dort lebenden Bevölkerung, die sich nach Jahren des Krieges nichts sehnlicher als Frieden wünscht, an einen Tisch setzen, um einen konstruktiven Diskurs zu führen.

Daniela Hofmann