Triff eine Entscheidung – Sie werden dich trotzdem hassen

Es ist nun fast sechs Jahre her.

Sechs Jahre, die vieles in meinem Leben veränderten.

Der Krieg in Syrien war gerade am Beginn einer Epoche, die wenige erwartet hatten und viele nicht glauben wollten.
Ich wurde mit vielen anderen Verantwortlichen nach Berlin gerufen.
Als Experten auf unserem Gebiet sollten wir Auskunft erteilen und die aktuelle Lage einschätzen.
Als Angehöriger einer Minderheit aus dem Nahen Osten, mit der ich als deutscher Staatsbürger verbunden bin, oblag es mir, über die Situation der Christen und anderer Minderheiten zu berichten.

Es entstand ein heftiger Streit, im Besonderen zwischen den Vertretern der orientalischen Kirchen und Vertretern der westlichen Kirchen und dem UNHCR – Flüchtlingswerk.
Letztere waren der Meinung, dass Christen und andere Minderheiten keinen besonderen Schutz benötigen würden und alle gleich zu behandeln seien.

Gleich sind alle zu behandeln. Das ist richtig. Nur ist das den Extremisten die morden, rauben, vergewaltigen, versklaven und vertreiben, ziemlich egal.
Aller Wahrscheinlichkeit nach haben das im Laufe der darauffolgenden Jahre auch die westlichen Kirchen verstanden. Das Flüchtlingswerk des UNHCR bis heute nicht, wie ich annehme.

Im Laufe der folgenden Monate wurde viel Zeit investiert, um dem entgegenzuwirken. Ich reiste persönlich in die betroffenen Regionen. Dokumentierte, beobachtete, überprüfte und berichtete.
So gut es eben möglich war.
Interessanterweise folgte sehr oft prompt die Kritik westlicher Kirchen.
Zu schauerhaft würde ich die Tatsachen darstellen.
Und warum wagte sich überhaupt jemand wie ich in Regionen, dazu auch noch von Bewaffneten beschützt, wo ich überhaupt nichts zu suchen habe?

Wirklich?
Ich habe dort nichts zu suchen?
Nichts in der Gegend zu suchen, wo das Christentum seinen Ursprung hat, ich auf die Welt gekommen bin, meine Verwandten und Freunde leben?

Ich habe dort nichts zu suchen?

Zusammenhängend lässt sich einfach sagen, dass meine Berichterstattung vielen nicht ins Bild passte.
Diese Erfahrung musste ich immer wieder machen, als ich den letzten Jahren die Länder des Nahen Ostens bereiste. Egal ob es sich nun um die Türkei, den Irak, Syrien oder den Iran handelte.

So ist es eben. Ich muss und will auch nicht jedem gefallen.
Und ich will auch nicht denen gefallen, die der Meinung sind, ich müsste mich einer nationalen Identität hingeben, während ich unter Einsatz meines Lebens versuche Menschenleben zu retten.
Was spielt es denn schon für eine Rolle wem ich angehöre, wenn Mütter um ihre Kinder weinen, Frauen vergewaltigt und Väter vor den Augen der Kinder enthauptet werden.
Ich kann und werde auch nicht denen gefallen, die mit ins Boot wollten, denen ich aber eine Absage erteilen musste.
Was soll man auch anderes machen, wenn man gesagt bekommt, dass nur ein paar Plätze frei sind, aber Tausende gerettet werden wollen.
In diesem Fall entscheidet man nach menschlichen Kriterien.
Für die elternlosen Kinder und gegen den jungen Mann, der vor der Armee und den Rebellen geflohen ist.
Für die vergewaltigte Mutter auf der Straße und gegen den Familienvater, der noch die Kinder versorgen kann.
Für den Verwundeten und gegen den Gesunden.

Ja, das waren und sind die schweren Entscheidungen im Leben, die ich zu treffen hatte und weiterhin treffen werde.
Ich habe es mir nicht ausgesucht.
Und nachts, wenn ich gedankenverloren wieder die Straßen Beiruts oder die Kriegsregionen des Iraks und Syriens durchstreife, höre ich die Rufe derer, die mich verfluchen.
Und ich sehe ihre Gesichter vor mir, im Dunklen, die mich einen „Verräter“ nennen.

Doch am Morgen wache ich wieder auf.
Sammle meine Gedanken.
Lege die Träume beiseite und nehme von neuem den Ehrgeiz auf, ausgehend von meinem christlichen Wertebild, dem Menschen und der Menschlichkeit zu dienen.

Und nicht irgendeiner Gruppierung, einer Partei oder Kirche …

Denn der Funke Gottes ist in uns allen …

Den Hass auf mich nehme ich dafür gerne in Kauf …

17. Mai 2017….
Anzug und Krawatte…
Flughafen München…

Ich bin „wieder “ auf dem Weg nach Berlin

Tagebucheintrag,

Simon Jacob