Türkei – Quo vadis?

Vor gut einem Jahr beobachtete der Friedensbotschafter des Zentralrates Orientalischer Christen in Deutschland, Simon Jacob, auf seiner Peacemaker-Tour die Wahlen in der Türkei und führte Gespräche mit Oppositionellen der verschiedenen Parteien. Darunter befand sich auch Februniye Akyol Akay, die einzige christliche Bürgermeisterin der Türkei. Ihr Bestreben ist es, den Frauen in einer von Männern dominierten Welt Gleichberechtigung zukommen zu lassen und Minderheiten in ihren Rechten zu stärken. Heftige Kritik äußerte die mutige junge Politikerin an den massiven Einschüchterungen seitens der AKP bei den letzten Wahlen. Durch einseitige Berichterstattung sei gezielt die Angst in der Bevölkerung geschürt worden. Schon damals wies Akyol Akay, die der christlichen Minderheit, im Sprachgebrauch auch Suryoye (1) genannt, darauf hin, dass die Europäer und im Besonderen Deutschland mit seiner Vergangenheit sich ein genaues Bild von der Lage machen sollten. (siehe Bericht unten)

Diese gezielt geförderte Angst hatte zur Folge, dass sich viele türkische Staatsbürger einen starken Mann an der Spitze des Staates wünschten. Die dem Putsch im Juli 2016 folgenden Ausnahmeregelungen jedoch, die der trotz allem demokratisch gewählte Präsident Erdogan verhängen ließ, führten zur Einschränkung der Presse-und Meinungsfreiheit, Verfolgung und Verhaftung politischer Gegner und Entlassung tausender Bediensteter im Bildungswesen. Sie zeigen ein Wegdriften von demokratischen Werten hin zum Autoritarismus. Unter diesem haben religiöse Minderheiten ebenso zu leiden wie Oppositionelle und Frauen. Damit verstößt die Türkei sowohl gegen die Menschenrechtscharta der UN als auch gegen die europäische Menschenrechtskonvention. Sollte die Türkei tatsächlich die Todesstrafe wieder einführen oder ein Gesetz, das die Vergewaltigung einer Frau dadurch legitimiert, dass der Täter das Opfer heiratet und sie damit zum zweiten Mal zum Opfer macht, so kann es auf Grund der geltenden europäischen Gesetze nur eine Schlussfolgerung geben: Die Türkei kann und darf nicht in die EU aufgenommen werden, aller Erpressungsversuche (Flüchtlingsabkommen, Grenzsicherung) zum Trotz. Hier wäre eine klarere Linie von manchem Politiker wünschenswert.

Auch Februniye Akyol Akay wurde jüngst Opfer dieser augenscheinlich willkürlichen Vorgehensweise der Türkischen Republik und seitens der Regierung ihres Amtes enthoben. Bei genauerem Betrachten der momentan vorherrschenden Situation in der Türkei lassen sich Parallelen, die zum Erstarken des Nationalsozialismus führten, nicht von der Hand weisen.

Mit ihrer Absetzung offenbart sich aber auch noch ein anderes Dilemma – die Zerstrittenheit der orientalischen Christen untereinander. Während Aramäer und Assyrer jeder für sich die Politikerin in Anspruch nehmen, wird dabei ganz übersehen, dass sie sich für alle einsetzt, egal ob sie sich Assyrer, Aramäer, Chaldäer oder bei ihrer Eigenbezeichnung „Suryoye“ nennen. Die einzelnen Verbände täten gerade in der aktuellen Situation gut daran, den Dialog untereinander zu suchen, um vorherrschende Gräben zu überwinden um mit einer Stimme auf gesellschaftspolitischer Ebene zu sprechen. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Daniela Hofmann

(1) „Suryoye“ ist die Eigenbezeichnung der Aramäer, Assyrer und Chaldäer. Die Suryoye sind eines der ältesten christlichen Völker der Welt und stammen aus dem ehemaligen Mesopotamien.

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Land: Türkei
Ort: Tur Abdin/ Mardin
Datum: 04.11.2015

Powerfrau aus Mardin – Eine Jungpolitikerin mit klaren Vorstellungen

Februniye Akyol Akay ist gerade einmal 27 Jahre alt und bereits seit über einem Jahr die zweite Bürgermeisterin der Provinzhauptstadt Mardin in der gleichnamigen Provinz in der Südosttürkei. Und das in einer Gegend, in der aufgrund der ethnischen Spannungen es zwischen Kurden und dem türkischen Militär immer wieder zu Konflikten kommt. Eingebettet in einer patriarchalischen Struktur, in der Frauen normalerweise eine klare Rolle als Hausfrau und Mutter zugewiesen bekommen. Doch die Zeiten ändern sich.
Februniye ist jung, tough und selbstbewusst. Beim Gespräch mit dem Mitglied der pro –kurdischen HDP lässt sie den Gesprächspartner nicht aus den Augen. Die angehende Masterstudentin für syrische Sprachen, die der christlichen Minderheit angehört – im türkischen Sprachraum Suryani/Suryoye (Aramäer, Assyrer, Chaldäer) genannt – bringt ihre Sichtweisen klar und deutlich zur Geltung.
Neben den Bestrebungen Frauen in einer von Männern dominierten Welt volle Gleichberechtigung zu gewähren, ist es vor allem das Ziel, Minderheiten mehr Rechte zukommen zu lassen. Nicht entkoppelt vom Staat, sondern gemeinsam mit einer offenen und liberalen Politik, von der alle gleichberechtigt profitieren sollen. Dass dies aktuell nicht der Fall ist, sagt sie offen und direkt. Besonders die massive Einschüchterung seitens der AKP während der letzten Wahlen findet heftige Kritik in ihren Worten. Die gezielt einseitige Berichterstattung hätte einen Zustand der Angst in der Bevölkerung geschürt. Dies kann kein demokratischer Prozess sein, an dem ein freies Europa Interesse haben kann. Die Europäer, und im Besonderen Deutschland, sollten sich ein genaueres Bild der Lage machen.
Stattdessen scheint es eher so, als ob die deutsche Kanzlerin mit ihrem Besuch und dem darauf erfolgten Ausschlachten dieser Gegebenheiten in den Medien, mit einem positiven Effekt für die AKP, eher das Gegenteilige bewirkt hat.

Wenn man dieser jungen Dame so zuhört, keimt Hoffnung auf. Hoffnung, dass eine junge und starke Generation, mit klaren politischen Zielen, der Türkei zu neuen Wegen verhelfen kann. Und gerade in einem Land, in dem Frauen fast schon dazu verpflichtet werden, einem männlich – traditionellen Weltbild zu folgen, stellen weibliche Politiker wie Februniye eine immense Bereicherung dar.

Nicht nur als Vorbild für weibliche Nachwuchspolitiker, sondern im Sinne der Menschlichkeit als Chance in einem Staat mit multikultureller Vielfalt.

Stolz präsentiert sie mir an der Pforte des Rathauses das Eingangsschild, welches dieses als solches erkennen lässt. Ausgewiesen in Türkisch, Kurdisch, Arabisch und Aramäisch.

Mit glänzenden Augen und einem provokanten Lächeln sagt sie mir: „Das gibt es nur bei uns und sonst nirgends in der Türkei“.

Dem kann ich nicht widersprechen.

Simon Jacob, Tur Abdin, Mardin – 04.11.2015

https://www.youtube.com/watch?v=pSH–iyBS8g