Land: Deutschland
Ort: Günzburg
Datum: 15.07.2016

Warum die geopolitische Situation im Nahen Osten im Zusammenhang mit den Ereignissen in Europa steht – Vortrag beim ASP Günzburg

„Ich hätte ja keine Ahnung von dem Ganzen wurde mir gesagt“ – Mit diesen provozierenden Worten begann Simon Jacob seinen Vortrag über die geopolitische Situation im Nahen Osten vor ranghohem Militär, zu dem der Außen-und Sicherheitspolitische Arbeitskreis Günzburg zusammen mit dem CSU Ortsverband und der JU Günzburg geladen hatte. Jacob, der als Friedensbotschafter des Zentralrates Orientalischer Christen in Deutschland und Initiator von Project Peacemaker mehrfach die Türkei und die Kriegsgebiete in Syrien und dem Irak bereiste, hat seine Wurzeln im Tur Abdin/Südosttürkei und ist dieser Gegend immer noch verwandtschaftlich verbunden. Mit seiner Aussage bezog er sich auf ein Treffen mit einer deutschen Islamwissenschaftlerin, die, obwohl noch nie den Nahen Osten bereist, ihm, wie im Übrigen auch Prof. Bassam Tibi, etwas abstreitet: die Kompetenz, die Gesamtsituation im Zusammenhang mit den verschiedenen Ethnien, Religionen und kulturellen Gegebenheiten objektiv und sachlich einzuschätzen. Etwas, das ihm durchaus häufiger passiert, im Besonderen in akademischen Kreisen.

Umso ausführlicher kamen dann jedoch die anwesenden Gäste in den Genuss von Simon Jacobs Erfahrungen. Der Beginn seiner Reise führte ihn rund sechs Wochen in die Türkei, wo er neben vielen Geistlichen auch Politiker der verschiedenen Parteien im Vorfeld der türkischen Parlamentswahlen traf, die seinen Beobachtungen zu Folge durchaus demokratisch abgelaufen sind. Allerdings wurde bereits Wochen davor ein diffuses Angstfeld innerhalb der Bevölkerung aufgebaut, wie ihm in einem Interview erklärt wurde. Und zwar in einer anderen Form, als viele glauben wollen. „Wir sind von Feinden umgeben, die uns Böses wollen“, „wie müssen uns verteidigen und dafür brauchen wir einen starken Mann“, so vielfach der Tenor. Dass mit den Kurden rund 20% der eigenen Bevölkerung als Feind betrachtet, das Einschränken von Presse- und Meinungsfreiheit und totalitäres Gebaren an sich aber augenscheinlich toleriert werden, vermag den westlichen Betrachter nur noch zu verwundern.

Wie komplex die Strukturen im Nahen Osten tatsächlich miteinander verwoben sind, zeigte sich im weiteren Verlauf des Vortrages, als Jacob auf die Gegebenheiten in Nordsyrien und Nordirak einging. So wäre es ihm als westlichen Journalisten nicht möglich gewesen in bestimmte Gebiete zu reisen und von dort zu berichten, wenn er nicht, auch als Christ der in Deutschland aufgewachsen ist, durch seine Wurzeln einem Clan angehören würde. Denn nur diese Zugehörigkeit konnte ihm entsprechenden Schutz gewährleisten. Dadurch hatte er zum Beispiel exklusiv die Möglichkeit, den SDF (Syrian Democratic Forces) kurz vor der Operation „Vulkan“ zu besuchen und Interviews zu führen. Der SDF, ein Zusammenschluss von verschiedenen Einheiten wie der kurdischen YPG und ihrem weiblichen Pendant, der YPJ, der christlichen MFS (Syriac Military Council), Teilen der FSA (Freie Syrische Armee) und verschiedenen sunnitischen Stämmen, bekämpft in Nordsyrien mit Unterstützung durch Luftschläge des Westens und einer Beobachtungsmission Deutschlands (Tornadoaufklärer) erfolgreich den IS.

Im Irak besuchte er in Kirkuk zusammen mit kurdischen Angehörigen des Regional Parlaments eine weitere Frontlinie zum IS. Auch hier gibt es Erfolge bei der Rückeroberung zu verzeichnen. Aber gerade die Rückeroberung der territorialen Gebiete und das Zurückdrängen des IS im Allgemeinen bringt eine Gefahr für Europa mit sich. Der IS versucht nun, Terror und Angst nach Europa zu tragen und damit einhergehend auch eine Spaltung der Gesellschaft herbeizuführen, wie die vermehrten Anschläge in letzter Zeit zeigen.

Mit welcher Brutalität der selbsternannte „Islamische Staat“ gegen alle vorgeht, die nicht seiner wahabitisch geprägten Ideologie folgen wollen, welche ihren Ursprung in Saudi Arabien hat, vermittelten die beklemmenden Videobilder der jezidischen Massengräber, die für viele der Gäste kaum zu ertragen waren. Fanden sich doch dort nur die Überreste der Frauen und Kinder, die vom IS regelrecht abgeschlachtet worden waren. Warum es gerade die Frauen am härtesten trifft erläuterte Simon Jacob den sprachlosen Zuhörern. In den patriarchalischen Clanstrukturen der arabischen Stämme wird die Frau nicht als gleichberechtigtes menschliches Wesen betrachtet, sondern auf einen Gegenstand, genauer gesagt auf die Mutter, die Tochter, die Ehefrau reduziert, die die Ehre des Clans reinzuhalten hat. Sie bildet damit das schwächste und zugleich am leichtesten angreifbare Glied in einer Kette. Durch eine Vergewaltigung etwa, beschmutzt die Frau die Ehre der Familie. Der männliche Teil der Familie wird dadurch gedemütigt und es wird ihm aufgezeigt, dass er nicht in der Lage ist, seine Ehre zu schützen. Die Frau indessen wird in solchen Fällen oftmals als „Beschmutzerin“ von der eigenen Familie im besten Fall verjagt, im schlimmsten Fall getötet. Genau das gleiche sollten die Übergriffe in der Silvesternacht in Köln aufzeigen. Sie waren nicht allein gegen die Frauen gerichtet, sondern ein Angriff auf den männlichen Teil der Gesellschaft, der nicht im Stande ist seine Ehre zu verteidigen. Gerade im Nahen Osten nehmen aber immer mehr Frauen ihr Schicksal in die eigene Hand und unterstützen mit eigenen Einheiten die Männer beim Kampf gegen den IS. Es ist aber nicht nur ein Kampf gegen diesen, sondern eine Auflehnung gegen das Patriarchat im Allgemeinen, so Jacob. Einen dauerhaften Frieden sieht er dort nur, wenn eine Gleichberechtigung von Mann und Frau gegeben ist.

Auf den Iran konnte der Initiator von Project Peacemaker zeitlich leider nur noch kurz eingehen. Für ihn bildet der Iran in der Zukunft jedoch einen wesentlichen Faktor zur Befriedung des Nahen Ostens. Auch wenn dieser noch weit von dem westlichen Verständnis von Demokratie entfernt sei, wobei auch die Interpretation des Begriffes westliches Demokratieverständnis schwierig ist, so könne man jedoch Fortschritte gerade bei der jungen Generation erkennen, die später einmal die Verantwortung in der Politik übernehmen muss. Und auch der schiitische Islam befinde sich in einem Wandel. Bietet dieser doch die Möglichkeit, den Koran an die Moderne angepasst auszulegen. Dies benötige aber Zeit, um sich entwickeln zu können. Zeit und Unterstützung, die man den jungen Menschen gewähren muss. Die letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass der Versuch, Demokratie ad hoc „überzustülpen“ regelmäßig in blutigem Chaos endet. Doch selbst wenn man ihnen die Möglichkeit zum Entwickeln gibt, wird es nach Meinung Jacobs eine östliche Demokratie, angepasst an die kulturellen Gegebenheiten der unterschiedlichen Ethnien, bleiben.

Dass die gezeigten Bilder und Einschätzungen eindrucksvolle Spuren hinterließen, zeigte nicht nur der langanhaltende Applaus der Zuhörer am Ende des Vortrages. „Ich habe selten einen Vortrag erlebt, der die Fakten so gezielt auf den Punkt bringt“, war von verschiedenen Seiten zu hören. Wie sehr das Thema die Menschen beschäftigt, sah man nicht nur an den kleinen Gesprächsgruppen nach der Veranstaltung, sondern auch in der Nachfrage nach weiteren Vorträgen dieser Art in anderen Städten.

Auch der ein oder andere in Politik und Gesellschaft täte gut daran, seine Scheuklappen abzulegen und den konstruktiven Diskurs mit den verschiedenen Ethnien und den unterschiedlichen Strömungen des Islam zu suchen. Gerade auch wegen den Problemen, die die Flüchtlingswellen mit sich bringen. Dazu gehört aber auch zu akzeptieren, dass in einer Demokratie Kritik erlaubt sein muss, ohne sofort an den rechten oder linken Rand gerückt, als Rassist oder willenloser Mitläufer klassifiziert zu werden. Es gehört aber auch dazu, sich nicht in eine Opferrolle zurückziehen, sondern mitzudiskutieren. Toleranz ja, aber nur bis dahin, wo die eigenen vom Grundgesetz garantierten demokratischen Grundrechte eingeschränkt werden, wie die Würde des Menschen, die Gleichberechtigung von Mann und Frau oder die Meinungsfreiheit. Wir sitzen in Europa momentan auf einem interkulturellen Pulverfass, dass über kurz oder lang zu explodieren droht. Was den wenigsten bewusst ist: die Lunte ist bereits entzündet.

Daniela Hofmann