Serie: Religiöses und Gesellschaft
Ort: Iran/Teheran
Datum: Februar 2017

In der Serie „Religiöses und Gesellschaft“ stellen wir, teils untermalt durch Bilder und Videomaterial, die Situation verschiedener Religionsgemeinschaften im nahöstlichen Raum und in der Kaukasusregion vor.

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Warum benennt der Iran eine Straße in Teheran nach einem christlich – assyrischen Märtyrer?

Der Iran ist ein sogenannter Gottesstaat. Jedenfalls ist dies die allgemeine Auffassung und im Wesentlichen wird damit angedeutet, dass das Primat im Iran die Religion ist. Wohlgemerkt: es ist der Glaube, der, teilweise vermischt mit dem Rechtskorpus, ausschlaggebend für das gesellschaftliche Leben ist. Und es ist nicht allein der schiitische Islam, welcher als einzige monotheistische Religion im Iran einen Faktor spielt, wie man dies vielleicht meinen könnte,. Tatsächlich haben alteingesessene Religionen wie Judentum, Christentum und Zoroastrismus ebenfalls einen sehr hohen Stellenwert. Anders lässt es sich nicht erklären, weshalb im schiitischen „Gottesstaat“ rechtliche Gegebenheiten existieren, die in kaum einem sunnitisch – orthodoxen Gottesstaat möglich wären. Christen, Juden und Zoroastern obliegt bis zu einem gewissen Teil die Rechtsprechung selbst; beispielsweise, wenn es um das Ehe- und Familienrecht geht. Prachtvolle Moscheen haben Elemente vorislamischer Zeit in der Architektur eingebettet. Sichtbar für jeden. Kirchen, so z.B. in Isfahan, wurden mit Unterstützung schiitischer Architekten erbaut. Vorislamischer Kunst wird immenser Respekt entgegengebracht.

Gewiss, besonders als Europäer und westlich orientierter Mensch, kann ich gerade der Stellung der Frau bzw. dem Zwang zur Kleiderordnung nichts abgewinnen. Auch sehe ich weitere Probleme darin, gerade wegen der religiösen Richtlinien, wenn es darum geht, von einer Religion zur anderen zu konvertieren. Zumindest aus meiner Perspektive betrachtet sollte es jedem freigestellt sein, die Religion anzunehmen, die einem gefällt. Doch musste ich auch, nach meiner letzten Iranreise im März des letzten Jahres, vieles revidieren, was ich so über den Iran gehört hatte. Und nach all meinen Erlebnissen verwundert es mich nicht, dass der Iran am 02. Januar 2017 eine Straße im Herzen Teherans nach einem im Iran – Irak Krieg gefallenen christlichen Assyrer benannte. „Robert Lazar“, so der Name des Gefallenen, prägt nun ein Stückchen der Stadt, die als Zentrum des schiitischen Staates mehr Toleranz gegenüber anderen alteingesessenen Religionen an den Tag gelegt hat als es Länder wie Saudi Arabien auch nur im Ansatz könnten.

Die Mutter von Robert Lazar selbst enthüllte im 11. Teheraner Stadtbezirk auch das Straßenschild mit einer Art Abbild des Gefallenen, um auf die überkonfessionelle Teilnahme der Soldaten auf diesen so verheerenden Krieg, welcher in einer Patt – Situation endete, hinzuweisen.

Neben Yonathan Bet Kolia, Repräsentant der christlichen Assyrer im iranischen Parlament, nahmen weitere hohe Würdenträger und iranische Parlamentarier an der Zeremonie teil.

Gut ein Jahr zuvor hatte Ayatollah Khamenei, geistiges Oberhaupt des schiitischen Iran, die Familie des jungen assyrischen Märtyrers besucht. Eine Geste, die eine besondere Bedeutung hat und für einige zunächst äußerst verwirrend erscheinen mag; was daran liegt, dass selten zwischen den verschiedenen Strömungen innerhalb des Islams, gerade in Bezug auf den Iran, unterschieden wird. Doch scheint es gerade hier außergewöhnliche Riten zu geben, die so nicht bekannt sind und einen Wesenszug des Schiitentums darstellen. Vielleicht erklärt das den respektablen Umgang mit einem christlichen Soldaten im Iran, welcher eine bleibende Ehrung mitten in Teheran fand. Der Schia-Experte Shayan Arkian (Chefredakteur von IranAnders), erklärt dies anhand des Beispiels der „Heiligen Nacht“ zu Weihnachten im christlichen Kontext.

Shayan Arkian

Was hat es nun mit der „Heiligen Nacht“, die für Christen eine besondere Symbolik aufweist, im Iran auf sich?

Laut Arkian fand der Besuch des religiös-politischen Staatsoberhaupts, Ayatollah Ali Khamenei, in der heiligsten Nacht der Schiiten, der Nacht der Bestimmung (Laylatul Qadr), statt, in der normalerweise die Gläubigen die Moscheen aufsuchen und diese Nacht mit Gottesanbetung verbringen. Der Besuch des höchsten Mannes Irans habe demnach eine sehr starke Symbol- und Ausstrahlungskraft auf die schiitischen Gläubigen, so der Iran-Experte und er fügt hinzu: „Die Nacht der Bestimmung ist die bedeutendste Zeit für die Schiiten. In der hat der Gläubige die Möglichkeit, sein Schicksal im künftigen Jahr mitzubestimmen. Daher sucht man in dieser Nacht üblicherweise Gottesmänner, Moscheen oder andere religiöse Orte oder Menschen auf, mit der Hoffnung, auch im kommenden Jahr auf dem Weg Gottes zu bleiben. Der Besuch der christlichen Familie vom hochrangigsten Politiker und Kleriker, Ayatollah Khamenei, war deshalb etwas Besonderes und gewissermaßen politisch wegweisend, wenn man die zukunftsorientierte Bedeutung dieser Nacht für Gläubige sich vor Augen hält.“

Fatemeh Taheri, Teheran
Simon Jacob, München

Februar 2017