Artikel: Altorientalisches Christentum – Assyrer und Armenier im Iran
Land: Iran
Ort: München
Themenbereich: Religiöses
Datum: März – 2016

Altorientalisches Christentum – Assyrer im Iran/Urmiah

„Zu Gast bei Vater Eilosh Azizyan.“

Der Iran fußt teilweise auf dem alten Staatsgebiet der Perser. Babylonier, Akkadier, Sumerer und auch die Aramäer, am Rande der Gebiete, bildeten Stadt-Staaten in der Region. Assyrer erhoben sich zu einer Großmacht und wurden eines der größten, wenn nicht sogar das erste, Imperium der Welt. Die Region befand sich im ständigen Krieg mit anderen Völkern. So zum Beispiel auch mit den Armeniern, die ihrerseits Stadt-Staaten und Königreiche gründeten. Später kamen die Meder hinzu, welche als erstes indogermanisches Volk angesehen und als Iraner bezeichnet wurden. Die Araber waren als Eroberer da. Turkvölker siedelten sich an.
Die Ursprungsreligion der Perser ist der Zoroastrismus, welcher als die erste monotheistische Religion der Region anzusehen sein dürfte, noch vor dem Judentum, Christentum und dem Islam. Der „Ein Gott – Glaube“ löste den Polytheismus der alten Kulturen (Sumerer, Babylonier, Assyrer …) ab und entwickelte sich weiter. Das Judentum folgte. Dann das Christentum, welches zur Herrschaftszeit der Sassaniden zwar eine Abspaltung als notwendige Abgrenzung zum Römischen Reich erfuhr, sich aber prächtig entwickelte und seine Ausdehnung bis nach Süd – China und Süd – Indien und sogar Malaysia fand. In Indien spricht man heute von den Thomaschristen. Der „Katholikos“, also der Lenker der apostolischen Glaubenslehre, die unter Fachleuten auch als „nestorianisch“ bezeichnet wird, befand sich in Bagdad. Um das Jahr 1206 begannen die Raubzüge der Mongolen und im Besonderen die Kriegszüge des mongolischen „Weltenzerstörers“, wie der Heeresführer Tamerlan genannt wurde. Sie beendeten nicht nur die goldene Zeit des Islams, sondern auch fast die gesamte Existenz dieser bedeutenden Ostkirche.
Die nestorianische Kirche zog sich zurück in die nördlichen Regionen des heutigen Irans mit der Stadt Urmiah als Zentrum, gelegen am bekannten Urmiah-See. Von dort aus suchte die Kirche Halt und ist bis heute im iranischen Raum vertreten. Man könnte eigentlich auch sagen, dass die Assyrische Kirche des Ostens hier ihr spirituelles Zentrum hat. In und um Urmiah wird noch Ostaramäisch gesprochen, was heute vielerorts als „Assyrisch“ oder „Neu – Assyrisch“ bezeichnet wird. Interessanterweise war es mir möglich, ausgehend von meiner westaramäischen Muttersprache, die christlichen „Assyrer“ im Iran besser zu verstehen als ihre Glaubensbrüder im Irak. Dies kann auch damit zusammenhängen, dass der ostaramäische oder ostsyrische Dialekt dort in seiner Reinform scheinbar besser erhalten ist als im Irak. Bedingt durch die Isolation.

Die ca. 15.000 bis 30.000 Mitglieder der Assyrisch – Apostolischen Kirche und ihrer Abspaltungen, der Assyrisch – Chaldäischen Kirche (mit Rom uniert) und der Assyrisch – Evangelischen Kirche, leben in über einhundert Dörfern rund um Urmiah und in der Stadt selber, sowie in Teheran und Isfahan.

In Urmiah angekommen wurde ich herzlich von Vater Eilosh Azizyan empfangen. Vater Eilosh ist mehr als ein gewöhnlicher Geistlicher. Man könnte ihn auch Mediator und Diplomat nennen. Eine Art Schnittstelle zwischen den Welten, wenn es im Besonderen um den religiösen Austausch zwischen dem Westen und dem Osten geht.

Er versteht es hervorragend, andere zu unterhalten. Ist aber auch in der Kirchengeschichte des eigenen Volkes sehr bewandert. Und er sagt bewusst Volk, weil ihm dies sehr wichtig ist. Darin unterscheidet sich die Kirche des Ostens sehr stark von der Westkirche syrischen Ritus.

In der auch als  „nestorianisch“ (diese Bezeichnung wird von den Angehörigen der Kirche nicht gerne gehört) bezeichneten Kirche gab und gibt es eine sehr starke Nationalbewegung, welche im ethnischen Sinne die nationale Identität intensiv herausarbeitet.

Es war kein geringerer als Patriarch Mar Eshai Shimun XXIII, der Sohn des Assyrer – Generals David D Mar Shimun (1889 – 1974), welcher sich 1931/1932 mit vier Petitionen an die britische Mandatsmacht wandte, um auf die Anerkennung des Völkermordes an den assyrischen Christen zu drängen. Ebenfalls stellte er darin die Forderung, die irakischen Assyrer als selbständige Nation anzuerkennen und ihnen ein eigenes Territorium zuzuweisen. Die Forderung wurde von den Briten abgelehnt.1932/1933 kam es zu blutigen Übergriffen durch das ehemalige osmanische Reich auf die christlichen Assyrer, aufgrund ihrer früheren Zusammenarbeit mit dem britischen Empire, welches sie nun im Stich ließ. Das Massaker in Semile (heute Irak) folgte, bei dem mehrere tausend Assyrer Opfer kurdischer und arabischer Angreifer wurden. Die Überlebenden siedelten sich im Khabour – Tal im heutigen Syrien an, wo man immer noch von den assyrischen Dörfern spricht. Viele flohen auch in den heutigen Iran, wo sie in der Gegend um Urmiah herum Zuflucht bei ihren Glaubensbrüdern suchten.

Das Beispiel des Patriarchen, der Sohn eines Generals war, zeigt uns, dass die Assyrisch – Apostolische Kirche eng mit dem Assyrertum, dessen Nachfahren diese Christen sind, verwoben ist.

Bei den heiligen Messen war zu beobachten mit welcher Autorität, fast schon militärisch wirkend, die Zeremonien abgehalten werden. Die feierliche Kleidung der Priester erinnerte teilweise an eine militärische Kleiderordnung. Mit ein bisschen Fantasie kann man sich vorstellen, dass nicht ein Priester, sondern ein militärisch gedrillter General vor einem steht.

So faszinierte die Assyrisch-Apostolische Kirche im Besonderen, die mit ihren teilweise uralten Kirchen in und um Urmiah herum viele bleibende Eindrücke hinterließ.

Doch machte uns der Priester auch klar, dass das christliche Gedankengut die spirituelle Basis ihrer Gesellschaft bildet. Er trennt hier strikt zwischen der nationalen Identität als „Assyrer“ und seinem Glauben, welcher unter dem Begriff „Suraya, Surayt oder Suryoyo“, alle aramäischsprachigen Christen unter einem Begriff, theologisch betrachtet, vereint.

Und auf die Suche nach den Überbleibseln dieser Christen machten wir uns dann auch. In ihrem ureigensten heiligen Land.

Vater Eilosh nennt nicht nur eine uralte Bibliothek mir entsprechen alten Schriften sein eigen, er kennt sich in der Gegend auch noch hervorragend aus. Gemeinsam blickten wir über eine Karte und suchten nach den verborgenen Schätzen des Christentums. Nach versteckten und verborgenen Perlen fast 2000 jähriger Kirchengeschichte. Es ist faszinierend dem Geistlichen zuzuhören. Obwohl ich seinen Dialekt noch nicht aussprechen konnte, verstand ich zum großen Teil, gebückt über die Karte Urimahs und der Umgebung, doch was er mir sagen wollte. Unter knapp 80 Orten, angefangen in der Nähe der Stadt bis hin zu dem an die Türkei angrenzenden Taurusgebirge, machten wir diejenigen aus, die es zu besuchen galt.

Natürlich stand uns nicht die Zeit zur Verfügung um die gesamte Umgebung zu erkunden. Dies hätte Jahre in Anspruch genommen. Doch war es uns wenigstens möglich bis an die türkische Grenze vorzudringen, um faszinierende sakrale Orte ausfindig zu machen.

Dabei war es ein Segen, dass Augin, der Sohn von Vater Eilosh, der auch hervorragend Englisch spricht, uns die gesamte Zeit über begleitete – neben unserem treuen Fahrer Savosh, der mit seinen fast 2,30 Metern wie der real gewordene assyrische Krieger aussieht.

Im Folgenden werden die Orte beschrieben, die wir besuchen konnten.

Mein Dank richtet sich an die Familie von Vater Eilosh, die mit uns so viel Zeit verbrachte.

Auch ist dem iranischen Kultusministerium zu danken, welches uns in allen Belangen hilfreich zur Seite stand, wenn es darum ging, Genehmigungen zu erhalten.

Simon Jacob,  Iran/Urmiah, März 2016

  1. Urmiah, Heilige Marienkirche – Assyrisch Apostolisch
  2. Urmiah – Biswacke, Marienkapelle – Assyrisch Apostolisch
  3. Urmiah – Heilige Stephanus Kirche – Armenisch Apostolisch
  4. Urmiah – St. Maria – Assyri8sch – Chaldäisch
  5. Balulan – Mar Johannon Sliho – Assyrisch – Evangelisch
  6. Dizagtekieh – Gräber – Angelikanisch
  7. Tadscha – Mar Georges – Assyrisch Apostolisch
  8. Saaha – Nar Georgis – Assyrisch Apostolisch
  9. Vasirawa – Mar Georgis – Assyrisch Apostolisch
  10. Yard – Mar Sabrischo – Assyrisch Apostolisch
  11. Balulan – Mar Sarkis – Assyrisch Apostolisch
  12. Maoush Abad – Mar Saurischo – Assyrisch Apostolisch
  13. Tacha – Mar Saurischo – Assyrisch Apostolisch
  14. Ardischaie – Mar Shalita – Assyrisch Apostolisch
  15. Dizagtekieh – Mar Shalita – Assyrisch Apostolisch
  16. Balula – Mar Tuma – Assyrisch Apostolisch
  17. Guktapa – Mar Zaia – Assyrisch Apostolisch
  18. Zize – Marien Kapelle – Assyrisch Apostolisch
  19. Ardischaje – Mart Maryam – Assyrisch Apostolisch
  20. Dizagtekieh – Marti Maryem – Assyrisch Apostolisch
  21. Mavana – Marti Maryem – Assyrisch Apostolisch
  22. Dizagtekieh – Rabban Hormez – Assyrisch Apostolisch
  23. Dasgire – Rabban Hormez – Assyrisch Apostolisch
  24. Dizagtekieh – Hieliger Stephan – Armenisch Apostolisch
  25. Gul Puscha – Heilige Maria – Assyrisch Apostolisch